Monatsspruch Januar 2026
Wie oft passiert das: Wir nehmen uns irgendetwas ganz fest vor. Wir nicken, versprechen … und vergessen es dann trotzdem. Ein wenig abgelenkt, ganz normal im Alltag, und schon ist es weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Glücklicherweise gibt es Tricks gegen das Vergessen: den berühmten Knoten im Taschentuch oder die kleinen gelben Klebezettel. Am Garderobenspiegel kleben sie, am Telefon, an der Tür zum Flur. Überall dort, wo wir oft vorbeikommen und ihre kleinen Botschaften nicht übersehen.
Die Israeliten hatten damals diese Klebezettel nicht. Die Worte aus dem 5. Buch Mose, die sie sich unbedingt merken sollten, und die mit „Höre, Israel“ beginnen, gehören zu den zentralen Texten des Judentums. Sie enthalten das Bekenntnis zu dem einen Gott, der der Gott der Israeliten ist und den sie von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all ihrer Kraft lieben sollen. Die Israeliten sollen dieses Bekenntnis fest in ihrem Alltag verankern: ihren Kindern diese Worte einschärfen, die Worte tagtäglich wiederholen, egal ob zu Hause oder unterwegs. „Und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore,“ heißt es weiter.
Greifbare Symbole unterstützen hier am besten. Gläubige Juden legen bis heute Gebetsriemen an, wenn sie sich das Bekenntnis in Erinnerung rufen. In den Kapseln an den Gebetsriemen befinden sich kleine Pergamentrollen mit eben diesem Text aus dem „Höre, Israel“. Und was unser Klebezettel an der Flurtür ist, ist die Mesusa, eine kleine Schriftrolle im Türstock jüdischer Wohnungen: Jedes Mal, wenn man die Wohnung verlässt oder wieder betritt, erinnert sie an jene Botschaft.
Und weshalb ist das mit der Liebe zu Gott so wichtig? Unsagbar viel wert sind wir Menschen unserem Gott, jede und jeder Einzelne von uns. Er ist bei uns in den guten und den schlechten Tagen unseres Lebens. Er hat uns zuerst geliebt (1. Joh 4,19). Wenn ich das für mich erkannt habe, kann ich diese Liebe erwidern, indem ich mich von seinem Wort führen lasse. Überall in meiner Arbeit, in meiner Freizeit, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, wird sich meine Liebe zu Gott widerspiegeln. Mit allem, was mich ausmacht. Mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
Solch eine Liebe verbindet nicht nur mit Gott, sondern auch untereinander. Das „Höre, Israel“ stiftete über die Jahrtausende hinweg Identität für die Israeliten, die Juden, auch in den Zeiten großer Bedrängnis und Verfolgung. Wer seinen Herrn, den einen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seiner Kraft liebt, der ist nicht allein. Der weiß, dass ihm mit seinem Hirten nichts mangeln wird und der fürchtet kein Unglück.
Zur Zeit Jesu ist das „Höre, Israel“ bereits viele hundert Jahre alt und hat seinen Stellenwert währenddessen nicht verloren. Als die Schriftgelehrten Jesus nach dem höchsten Gebot fragten, hat er genau diesen Text genannt und ihn jedoch ergänzt: „Das andere aber ist ihm gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt. 22,39). Auch dies ist ein Gebot, das sich bereits bei Mose finden lässt (3. Mose 19,18). Es betont die Gleichwertigkeit aller Menschen und setzt voraus, dass ich eine natürliche Liebe und Sorge für mich selbst empfinde. Nur wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann ich diese Sorge und Fürsorge auf andere übertragen und mich mit der gleichen Intensität und Freude für die Bedürfnisse meiner Mitmenschen einsetzen wie für meine eigenen.
Dagmar Herrmann

