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Die musikalische Begabung der Annette von Droste Hülshoff

Ortsverband: Rothenburg |

Die wegen der Coronakrise ausgefallene Studienreise in das Münsterland, die auch zu den Annette-von-Droste-Hülshoff-Gedenkstätten geführt haben würde, hat Agnes Heinitz aus Rothenburg ob der Tauber zu folgenden Überlegungen angeregt:

Nach wie vor sind wir fest im Griff des kleinen Corona-Virus weltweit. Diese Pandemie, die uns schon von Anbeginn in Atem hält und fernbestimmt, fordert von uns, Wichtiges von Belanglosigkeiten zu unterscheiden. Keine Belanglosigkeit war die Absage der geplanten Reise ins Münsterland, die vom 27. April bis 1. Mai stattfinden sollte, und von der Landesvorsitzenden Inge Gehlert im DEF bis ins Kleinste gut vorbereitet war. Die Resonanz war groß und deshalb war die Absage ein großer Verzicht. Die Reise ist nun Makulatur.

Darum steigen alte Erinnerungen in mir auf, die ich von früheren Besuchen in Münster bewahrt habe, als ich noch in Westfalen-Lippe lebte. Die alte Bischofsstadt, die gelegentlich als das „Rom des Münsterlandes" bezeichnet wird, trägt schon in ihrem Namen eine Verpflichtung und offenbart die enge Beziehung zur Kirche (Monasterium = Kloster). Die Stadt ist alt, wurde schon im 3. Jahrhundert erwähnt und erhielt eine gute Entwicklung als sie Bischofssitz im frühen 9. Jahrhundert wurde. Einen richtigen Wachstumssschub bekam sie durch Handel und Wandel im späten Mittelalter durch ihren Beitritt zur Hanse. Geht man an der Lambertikirche vorüber, die am Prinzipalmarkt liegt, sieht man an der Südseite des Turms die Käfige hängen, die sofort an den Terror und die Morde erinnern, die von den Sektenmitgliedern der Wiedertäufer in den Jahren 1534/35 ausgingen und die Stadt in Atem hielten. Rathaus und Prinzipalmarkt bilden noch heute das Herzstück der Stadt. Dieser Marktplatz sucht seinesgleichen. Er wurde in seiner Lebendigkeit, Schönheit und einmaligen Proportion schon 1150 angelegt. Auch der 2. Weltkrieg hat Spuren in der Stadt geschlagen, die gottlob bis in die Mitte der 60er Jahre wieder beseitigt werden konnten. Der Erbdrostenhof ist wohl der schönste barocke Adelshof in Münster, der von J.K. Schlaun 1757 errichtet wurde. Dieser Baumeister hat überwiegend in Westfalen gewirkt.

Und da kommt auch schon der Name Droste ins Spiel und damit der Bezug zu Annette von Droste-Hülshoff, die eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen und Komponistinnen des 19. Jahrhunderts war. Sie wurde am 10. Januar 1797 in Havixbeck auf der Wasserburg Hülshoff bei Roxel als zweites von vier Kindern geboren. Von Anbeginn ihres Lebens war sie ein zartes, kurzsichtiges und oft krankes Kind. Die ersten Jahre ihrer Ausbildung erhielt sie von ihrer Mutter Therese, die sehr früh ihre literarischen Fähigkeiten erkannte und unterstützte. Sie holte 1812 Professor A.M. Sprinkmann als Ansprechpartner in literarischen Fragen ins Haus, der sich bis 1819 als ihr Mentor für die Droste einsetzte. Annettes Familie war der Musik sehr zugetan. Ihr Vater spielte Violine, das häusliche gemeinsame Musizieren stand ganz oben auf der Tagesordnung. Ab 1809 erhielt Annette Unterricht im Klavierspiel, das sie im Laufe der folgenden Jahre perfektionierte, so dass sie bereits 1820 in der Stadt Höxter öffentlich auftreten konnte, und zwar als Sängerin mit eigener Klavierbegleitung. Sie erhielt von 1823-31 Gesangsunterricht. Zu ihrer Zeit soll sie eine besonders schöne Stimme gehabt haben, mit der sie die damals im Land bekannten Sopranstimmen übertrumpfte. In der Familie erteilte sie Klavier- und Gesangsunterricht für ihre Geschwister und andere interessierte Verwandte. Schon damals studierte sie zeitgenössische Musikschriften und Kompositionen und unterhielt Kontakt zu Clara und Robert Schumann und anderen Komponisten wie Joseph Haydn. Nach dem Tod ihres geliebten Vaters 1826 zog sie aus erbrechtlichen Gründen gemeinsam mit ihrer Mutter und den Geschwistern ins Rüschhaus bei Nienberge. Dort begrub sie ihre bis dahin gemachten intensiven Musikstudien und eigenen Kompositionen wie das Opernprojekt „Babilon" und die Vertonungen zum Thema „Cherubin und Seraphin" (geistl. Gesänge oder Motetten), die sie nie wieder aufnahm. Erst 1877 (also nach ihrem Tod) kamen ihre ersten Musikwerke ans Licht der Öffentlichkeit und machten die Dichterin auch als Komponistin bekannt. Das 20. Jahrhundert förderte aus ihrem Nachlass ihr musikalisches Gesamtwerk zutage, das daraufhin gesichtet und analysiert werden konnte. Im Biedermeierzeitalter war es nicht leicht, sich als Frau aus adeliger Herkunft als Dichterin zu etablieren und durchzusetzen.

Im Alter von 23 Jahren erlitt Annette ein tiefgreifendes Trauma, das sie fast über ihr weiteres Leben mit sich herumtrug. Sie entschloss sich, ihren Ehemann selbst zu wählen. Zwei Verehrer kamen damals für sie in die engere Auswahl. Einer davon war Heinrich Straube. Da er nicht standesgemäß war, kam es zum familiären Eklat durch eine Intrige. Durch dieses Ereignis gab sie zwar ihre Emanzipationsgedanken auf, verfiel aber zusehends in eine Resignationshaltung. Ihr Selbstbewusstsein geriet ins Wanken, das sie erst wieder zurückgewann, als sie gewisse Erfolge und eine Anerkennung durch ihre schriftstellerische Leistung erkennen durfte. Mit Levin Schücking, den sie jahrelang kannte und verehrte, kam es zum endgültigen Bruch 1846, als sie seinen Roman „Die Ritterbürtigen" gelesen hatte. Mit ihm führte sie ab 1842 einen intensiven Briefwechsel. 1843 heiratete er Louise von Gall.

Im gleichen Jahr ersteigerte Annette das Fürstenhäusle mit Rebgelände oberhalb der Meersburg. Ihre ältere Schwester Jenny war mit Joseph von Laßberg verheiratet. Die Familie siedelte 1838 aus der Schweiz von Schloss Eppishausen im Thurgau auf die Meersburg über. Damit hatte Annette sozusagen Familienanschluss am Ort.

In den Jahren von 1829 bis zu ihrem Tod im Jahre 1848 war Annette immer wieder schwer krank gewesen. Sie hat sich wiederholt selbst als stockwestfälisch in Bezug auf Herkunft und Tradition bezeichnet. Ihre Herkunft aus der Gesellschaft des altwestfälischen, katholischen Adels hat ihr Verhalten als Mensch und als Künstlerin stark geprägt. Annette starb am 24. Mai 1848 auf Schloss Meersburg wohl an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Ihre Beisetzung erfolgte am 26. Mai auf dem Meersburger Friedhof.

Das kleine Corona-Virus hat auf seine Weise dazu beigetragen, alte Erinnerungen auszugraben und im Trockenkurs Münster und Annette von Droste-Hülshoff zu besuchen, wobei die Thematik noch lange nicht erschöpft ist. Ja, was wäre, wenn....? Die Reise könnte durchaus noch nachgeholt werden.

Agnes Heinitz

Inge Gehlert, die Organisatorin der Reise ins Münsterland, empfiehlt als dazu passende Lekture den Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve.

Fotos: Annette von Droste-Hülshoff, Gemälde von Johann Joseph Sprick, 1838, gemeinfrei.

Rüschhaus, von Günter Seggebäing, CC BY-SA 3.0

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