Zum Hauptinhalt springen

Buchtipp von Dr. Johanna Beyer: Deutschland und seine First Ladies von 1949 bis heute

DEF |

Heike Specht: Ihre Seit der Geschichte. Die Frau an seiner Seite oder Doppelspitzen?

Lust, mal die Perspektive zu wechseln und die Ge¬schichte der Bundesrepublik neu zu lesen?

Dazu lädt das Buch von Heike Specht über Deutschland und seine First Ladies von 1949 bis heute ein. Unter dem Titel „Ihre Seite der Geschichte“ lässt uns die Autorin teilhaben an dem Leben der Gattinnen der ersten Männer im Staate, den Zeitkontext und ihren Blick darauf. Deutlich wird, wie dieser sie jeweils prägt und welche Rollenzumutungen das umfasst, aber auch welche Möglichkeiten sich eröffnen.

Da ist der erste Bundespräsident, Theodor Heuss und an seiner Seite Elly Heuss-Knapp. Sie ist das prägende Rollenmodell für alle ihre Nachfolgerinnen, denn sie ergreift die Chance der besonderen Rolle als Ehefrau des ersten Mannes im Staate und nutzt die Kontakte und Einflussmöglichkeiten für ihr Projekt „das Mütter­genesungswerk“. Diesem Beispiel folgend haben nahezu alle Frauen der Bundespräsidenten in der Amtszeit ihrer Männer, ihre Projekte – oder besser „Herzensanliegen“ auf den Weg gebracht, so Mildred Scheel die Deutsche Krebshilfe, Marianne von Weiz­säcker die Stiftung Integration ehemaliger Suchtkran­ker, Marianne Herzog die Mukoviszidose-Hilfe, um nur einige zu nennen.

Daneben wird im Blick auf den Alltag der Frauen sichtbar, wie der sich sehr unterschiedlich gestaltet, je nachdem, ob Kinder mit in die Villa Hammer­schmidt in Bonn oder in das Schloss Bellevue in Berlin einziehen oder nicht, oder überhaupt das Leben an bzw. in den Dienstsitz verlegt wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass einzig Veronika Carstens ihre Erwerbstätigkeit fortführte, sie blieb in Teilzeit Ärztin in eigener Praxis.

Die biografischen Erfahrungen und die Familiensitu­ation gestalten auch den Alltag der anderen ersten Frauen, der Kanzlergattinnen. Hier gab es am Beginn der Bundesrepublik über lange Jahre mit Konrad Adenauer zunächst einen zwei Mal verwitweten Kanzler, dessen frühe politische Karriere allerdings durch seine Ehepartnerinnen befördert worden war. Folglich fehlte lange ein Rollenmodell für eine Kanz­lergattin und so bleiben Luise Erhardt und Marie-Luise Kiesinger blass, obwohl hochkompetent und enge Beraterinnen ihrer Männer. Das sind diese Frauen alle, auch die Frauen der DDR-Staatschefs. Aber erst mit Rut Brandt erhält auch die Ehefrau des Kanzlers öffentliche Aufmerksamkeit und eigenes Profil. Heike Specht zeigt, dass sie oft die Beschützerinnen, Diplo­matinnen und Gastgeberinnen waren, die erheblich zu den Erfolgen ihrer Männer beitrugen, und wie viel Disziplin ihnen das abverlangte. Und sie hatten - wie auch die Bundespräsidentenfrauen - eine selbstge­wählte Mission, ein Vorhaben, worauf sie die gesell­schaftliche Aufmerksamkeit lenken wollten. So setzte sich beispielsweise Loki Schmidt für den Schutz gefährdeter Pflanzen ein und Hannelore Kohl für Unfallverletzte mit Schädigungen des Zentralen Nervensystems.

Für mich war das Buch ein Rendezvous mit meiner gelebten Zeit. Als Jahrgang 1951 und politisch inte­ressierte und engagierte Frau haben viele Namen bei mir Erinnerungen wachgerufen. Der Blick hinter die Kulissen, angereichert durch Aussagen aus Interviews mit Akteurinnen oder ihren Kindern, ist gut lesbar im plaudernden Ton einer Frauenzeitschrift. Ein wenig mehr Tiefenbohrung hätte schon sein können, zu angerissenen Fragen. Ob beim Bundespräsidenten­paar, bei dem nur einer gewählt worden ist, das aber seine protokollarischen Pflichten i.d.R. als Paar wahr­nimmt, Reminiszenzen an die Monarchie mitgetragen werden. Ob bei befürchteten Interessenskollisionen die traditionelle Rollenverteilung zeigt, dass vor dem Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch die „erste Familie“ steht und es nur unzulängli­che Lösungen gibt. Und hatte in dieser Gemengelage der first husband nur Glück, oder ist das das Zukunfts­modell für die Partner*in der Kanzlerin/des Kanzlers?

Positiv ist festzuhalten, dass es am Ende des Buches eine Zeitleiste mit den Frauen der Bundeskanzler (und dem first husband Joachim Sauer), den Frauen der Bundespräsidenten und den Frauen der DDR-Staatschefs gibt. Ebenso hilfreich ist das Personen­register, das es leicht macht, bei dem ein oder anderen Namen nochmals nachzulesen.

Dr. Johanna Beyer, München

Piper Verlag, München 2019, ISBN 9783492058193, Gebunden, 400 Seiten, 24 EUR

 

Zurück

Kontakt

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir sind für Sie da!

Deutscher Evangelischer Frauenbund Landesverband Bayern e. V.

Geschäftsstelle
Kufsteiner Platz 1
81679 München

Tel.: 089 /98 105 788
Fax: 089 /98 105 789

info@def-bayern.de

Bürozeiten:

Mo-Do:8.00 bis 16.00 Uhr
Fr: 8.00 bis 13.00 Uhr 
  

Geschäftsführerin: 
Katharina Geiger
katharina.geiger@def-bayern.de

Bildungsreferentin:
Dr. Bettina Marquis
bettina.marquis@def-bayern.de

Sekretariat:
Büroleiterin Maren Puls
info@def-bayern.de

 

Pflichtangaben

Seit 2009 ist der Landesverband nach dem Qualitätsmanagementsystem QVB zertifiziert. http://www.procum-cert.de/

Newsletter registrieren
Jetzt registrieren und aktuelle Informationen erhalten