Alles immer digitaler? Chancen entdecken, Ausgrenzung entgegenwirken
Am 7. März 2026 fand in der Evangelischen Stadtakademie München der sechste Fachtag „Digitale Medien & ältere Menschen“ statt. Unter dem Titel „Alles immer digitaler? Chancen entdecken, Ausgrenzungen entgegenwirken“ nahmen 43 Personen vor Ort und drei online teil. Die Veranstaltung wurde von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) und dem Evangelischen Bildungswerk München (ebw) organisiert. Sabine Jörk (EAM) und Annette Hüsken-Brüggemann (ebw) führten durch das Programm. Der Termin markierte zugleich das sechsjährige Bestehen des Fachtags.
Dimensionen digitaler Selbstbestimmung
Christine Wittig, Sprecherin der Ortsgruppe München von Digitalcourage e. V., eröffnete den Fachtag mit einem Vortrag zu den „Dimensionen digitaler Selbstbestimmung“. Sie beschrieb digitale Plattformen als zentrale Infrastruktur des Alltags – von Kommunikation über Information bis zu Online-Einkäufen. Die großen US‑amerikanischen Anbieter Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta prägen diesen Markt maßgeblich.
Digitale Selbstbestimmung umfasst laut Wittig die Kontrolle über eigene Daten, Transparenz über Funktionsweisen digitaler Dienste, Wahlfreiheit zwischen Angeboten sowie ausreichende digitale Kompetenzen. Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich dabei zwischen Komfort und Kontrolle.
Nach Wittig gibt es vier Dimensionen der digitalen Selbstbestimmung:
- Die wirtschaftliche Dimension. Digitale Plattformen kontrollieren zentrale Infrastrukturen (App-Stores, Cloud-Dienste, online Marktplätze, Suchmaschinen). Dies führt zu einer Marktkonzentration, Abhängigkeiten und Wettbewerbseinschränkungen.
- Die politische Dimension. Als Reaktion auf die zunehmende Macht wurden in Europa neue Regulierungen geschaffen, wie bspw. der Digital Markets Act und der Digital Services Act. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung wurde das Thema digitale Souveränität umfangreich behandelt.
- Die gesellschaftliche Dimension. Digitale Plattformen beeinflussen Informationsflüsse, öffentliche Debatten. Algorithmen, personalisierte Inhalte oder Plattformregeln können Auswirkungen auf die Meinungsbildung haben.
- Die individuelle Dimension. Digitale Selbstbestimmung spielt im Alltag eine zentrale Rolle: Welche Geräte, welche Apps, welche Plattformen werden genutzt, welche Daten entstehen und wie werden diese verarbeitet. Die Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich dabei im Spannungsfeld zwischen „Bequemlichkeit und Kontrolle“ (Wittig) über die eigenen Daten.
Stärkung digitaler Selbstbestimmung erfordert politische Regulierung, Förderung offener Standards, digitale Bildung sowie bewusste Entscheidungen von Organisationen und Einzelpersonen.
Digital unterwegs sein kostet
Elvira Eisen-Walser (Caritas München-Ost), tätig in der Schuldner- und Insolvenzberatung, zeigte auf, dass digitale Teilhabe finanzielle, zeitliche und soziale Kosten verursacht. Eine Million Menschen über 50 sind überschuldet; bei den über 65‑Jährigen liegt die durchschnittliche Schuldenhöhe bei 47.000 Euro. Gründe sind u. a. Krankheit, gescheiterte Selbstständigkeit, Arbeitslosigkeit oder Trennung. In München ist die Überschuldung Älterer aufgrund hoher Lebenshaltungskosten besonders ausgeprägt.
Digitale Teilhabe erfordert aktuelle Geräte, Betriebssysteme und Software – Anschaffungen, die schnell hohe Kosten verursachen. Hinzu kommen laufende Gebühren für Telekommunikation. Besonders problematisch sind unkontrollierte In‑App‑Käufe, die ältere Menschen in Spielen oft unbeabsichtigt tätigen. Eisen-Walser betonte die Bedeutung digitaler Helferinnen und Helfer, die zur Prävention beitragen.
In der Mittagspause konnten die Teilnehmenden Notrufarmbänder, KI‑gestützte Hilfsmittel für Sehbehinderte und Seniorenassistenzsysteme testen. Die Johanniter stellten ihr Hausnotrufsystem vor.
Am Nachmittag besuchten die Teilnehmenden zwei von vier Workshops.
Workshop 1: Torsten Strube (Digitalcourage e. V.) stellte alternative App‑Stores und Browser für Android vor. Das Herunterladen des freien App‑Stores F‑Droid führte bei einigen Teilnehmenden zu Unsicherheiten, etwa durch Sicherheitsmeldungen oder fehlende deutsche App‑Beschreibungen. Auch Abweichungen bei Icons und das Fehlen bekannter Apps irritierten. Strube hob die Möglichkeit anonymer Nutzung und datensparsamer Anwendungen hervor.
Workshop 2: Der Journalist Stefan Mey informierte online über das „Darknet“ als Gegenmodell zur Überwachung im offenen Internet. Er erläuterte Funktionsweise und Risiken des TOR‑Browsers, verwies auf problematische Inhalte wie Missbrauchsforen, Waffenhandel und Cyberkriminalität und beschrieb zugleich journalistische und zivilgesellschaftliche Nutzungsmöglichkeiten. Rund 250.000 Menschen in Deutschland nutzen das Darknet.
Workshop 3: Martin Steuber, Digital-Lotse und Dozent im KI‑Projekt von eam und ebw, berichtete über seine Erfahrungen mit Smart‑Home‑Technik. Anhand von Beispielen zu Heizung, Komfort und Sicherheit zeigte er Chancen und Grenzen auf. Die Teilnehmenden erkannten viele Aspekte aus eigenen Erfahrungen wieder.
Workshop 4: Ilka Wiest, Sozialpädagogin und Digital-Lotsin, thematisierte Rollenerwartungen in Beratungssituationen. Sie stellte Strategien für klare Grenzen vor und gab Hinweise auf weiterführende Beratungsstellen.
Zum Abschluss wurden die Geräte der Probierstation im Plenum vorgestellt.
Der sechste Fachtag zeigte deutlich, dass ältere Menschen für digitale Teilhabe verständliche Zugänge, verlässliche Unterstützung und aktuelles Wissen benötigen. Die EAM wird daher weiterhin Online‑Vorträge und Sprechstunden an verschiedenen Orten anbieten.
Sabine Jörk
EAM-Vorsitzende


