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1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland. Studientag in Neuendettelsau

DEF |

"1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland" - das ist auch ein Thema für den Deutschen Evangelischen Frauenbund (DEF), der es in den Mittelpunkt seines diesjährigen Studientages auf der Landesverbands­tagung in Neuendettelsau stellte. Viele DEF-Ortsver­bände beteiligten sich an dem Projekt „Mosaik – Jüdische Geschichte in Orten Bayerns mit DEF-Orts­verbänden und Anschlussvereinen“.

Ausgehend vom Edikt des Kaisers Konstantin von 321 für die Bürger­meister von Köln, auch Männer jüdischen Glaubens zum Dienst als Ratsherr heranzuziehen, und archäo­logischen Kleinfunden wie Öllämpchen mit dem Motiv der Menorah aus offenkundig jüdischen Haus­halten, fächerten Bildungsreferentin Dr. Bettina Marquis und die Vertreterinnen der Ortsverbände jüdisches Leben in Deutschland und Bayern von der Römerzeit bis in die Gegenwart auf. Im Mittelalter gab es in vielen Städten und Orten die Judengasse als Kern des jüdischen Wohn- und Geschäftsviertels. Es gab viele blühende jüdische Gemeinden in den Städten vor allem Frankens und Schwabens, die unter durch Sonderabgaben zu bezahlendem kaiserlichen Schutz gedeihen konnten. In Rothenburg existierte im 13. Jahrhundert jahrzehntelang eine jüdische Hoch­schule des Rabbi Meir von Rothenburg, der hoch verehrt und später gerade wegen seiner Prominenz verfolgt und ermordet wurde.

Die frühen Synagogen sind meist zerstört und unter­gegangen, aber teilweise wenigstens in ihren Funda­menten erhalten – z.B. in Regensburg unter dem Pflaster des Neupfarrplatzes oder auch in Nürnberg, wo man nach der Vernichtung der jüdischen Bevöl­kerung die Frauenkirche auf der zerstörten Synagoge aufgebaut hatte. Die Verfolgungsgeschichte, die in mehreren Wellen immer wieder vorgenommenen Vertreibungen und Ermordungen der Jüdinnen und Juden sind wahrhaft erschütternd. Das Rintfleisch-Pogrom 1298 und die Verfolgungen nach dem Pest­ausbruch 1348 sind ein besonders schwarzes Kapitel des Jüdischen Lebens in Deutschland. Gerade im Um­feld der freien Reichsstädte Frankens und Schwabens gibt es wegen der Vertreibungen auch zahlreiche Gemeinden und Siedlungen des Landjudentums, auch ländliche Friedhöfe mit Bestattungen aus mehreren Orten und Städten. Die Barockzeit brachte Judengemeinden und damit auch Synagogen neue­ren Typs hervor, teilweise im Klassizismus umge­staltet, z.B. in Floß oder Ansbach. Das 19. Jahrhundert zeigte ein erstarktes Judentum mit großen Neubauten von Synagogen und Gemeindezentren und Schul­häusern, oft im repräsentativen maurischen Baustil. Gerade diese wurden Opfer der Brandanschläge im großen Pogrom von 1938. Aschaffenburg, Nörd­lingen, Nürnberg und München sind hierfür Beispiele. Während die erhaltenen ländlichen Synagogen reno­viert und als Museum, seltener als Raum des Gottesdienstes genutzt werden können, sind die meisten der städtischen Synagogen aus dem Stadt­bild verschwunden, nur durch Gedenksteine markiert. Neue Synagogen künden vom sehr vorsichtigen und defensiven Neubeginn nach dem Holocaust und die neuesten von einem neuen jüdischen Selbstverständ­nis der heutigen, durch Zuzug aus Osteuropa zahlen­mäßig deutlich angewachsenen jüdischen Gemeinden der Gegenwart.

Ein lebendiges Zeugnis ihres Glaubens legten drei junge Jüdinnen in der WDR-Dokumentation „Echtes Leben. Jung, jüdisch, weiblich“ ab, eine liberale Rabbinerin, eine in Deutschland ein freieres Leben suchende ehemalige ultraorthodoxe Künstlerin, eine dritte Frau, die orthodox den Alltag für sich und ihre Familie gestaltet. Inge Gehlert diskutierte auf dem Podium mit Diana Liberova, die aus einer aus St. Petersburg zugewanderten Familie stammt. Wenn auch, wie sie sagte, die meisten jüdischen Familien aufgrund der historischen Erfahrung aber auch des gegenwärtigen Antisemitismus „auf gepackten Koffern sitzen“, so will sie mit ihrer Familie doch in Nürnberg bleiben. Ausdruck dessen ist auch, dass sie neben dem Beruf in der Lokalpolitik aktiv und als Nürn­berger Stadträtin 2020 erneut gewählt worden ist. Zur Holocaust-Gedenkkultur in Deutschland bei gerade leider wachsendem Antisemitismus und manchmal fehlender Toleranz gegenüber den jüdischen Zuwandererfamilien aus Osteuropa merkte sie kritisch an, der Gesellschaft seien wohl „manch­mal die toten Juden lieber als die lebendigen?“ Bei diesen Zweifeln ist es im Zusammenhang mit den 1700 Jahren jüdischen Lebens auf deutschem Boden bedeutend, dass sie selbst mit ihrer Familie in Nürnberg lebt und sich für öffentliche Gespräche wie das mit Inge Gehlert beim DEF zur Verfügung stellt.

Am Abend des Studientages wurden die Zuschauerinnen in Umsetzung einer Idee von Inge Gehlert noch in einen jüdischen Salon eingeladen, nämlich zur vielleicht bekanntesten Salonnière Berlins um 1800, Rahel Varnhagen von Ense. Durch die Heirat mit einem Adeligen war sie ihrer lebens­langen Diskriminierung als Frau, Aufklärerin und Jüdin wenigstens zu einem Teil entronnen und konnte nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch Wissenschaftler und Personen des Hofes in ihrem Elternhaus empfangen. Ihr großartiges Talent, als Gastgeberin verschiedene Menschen und Tempera­mente miteinander ins Gespräch zu bringen, spiegelte sich auch in ihrer Verkörperung durch Dr. Johanna Beyer.

Ein salonähnliches, aber durch und durch der Musikpflege gewidmetes großes Haus führte auch die Familie Mendelssohn. Felix wurde der berühmte Musiker und Komponist mit immensen Verdiensten um die Hebung der musikalischen Bildung in Deutsch­land. Seine parallel mit ihm bestens ausgebildete und ebenso begabte Schwester Fanny Mendelssohn aber blieb mitsamt ihren Werken eine Unbekannte, präsentiert durch Dr. Bettina Marquis.

Fanny Mendelsohn war gebunden durch die mangelnden Entwicklungs­möglichkeiten, die Frauen damals an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten hinderten. Unterstützt von ihrer Mutter, ihrem Ehemann und Freunden, konnte sie sich aber davon befreien und vierzigjährig eigene Kompositionen veröffentlichen. Dabei führte sie im elterlichen Berliner Palais rege besuchte hochrangige Sonntagsmatineen durch, auf denen sie Werke des Bruders wie auch Bachs und Beethovens, aber auch zeitgenössischer Freunde, seltener eigene Werke, zur Aufführung brachte. Der Ruf von Berlin als Musikstadt wurde von ihr mitbegründet. Fanny Mendelssohn wird heute als eine bedeutende Komponistin wieder- oder vielleicht sogar erstmals entdeckt; ihr Wirken für das musikalische Leben ist noch unzureichend im Fokus.

Als Dritte im Bunde und Gast im Berliner Salon kam aus Westfalen die Dichterin Annette von Droste-Hüls­hoff, verkörpert von Inge Gehlert. Die zuletzt von Karen Duve beschriebenen Unwegsamkeiten der Straßen und Konvention hatten ihr früheres Erscheinen in der preußischen Metropole verhindert. Im wirklichen Leben war sie nie nach Berlin gekom­men, aber im fiktiven Abendsalon kann man eine solche Variante möglich machen. Auch sie war durch die Erwartungen an eine Frau ihres Standes lange behindert, durfte zwar zeichnen und musizieren, jedoch nur „für den Hausgebrauch“ und musste immer den Ruf der Familie wahren. Die Befreiung gelang ihr durch ihr dichterisches Tun; sie wurde zum Haupt eines über das Münsterland hinaus bekannten literarischen Zirkels und konnte sich von den Erlösen ihrer Dichtkunst sogar ein kleines Häuschen in der Nähe ihrer am Bodensee verheirateten Schwester leisten, wo man eine freiere Luft atmete. Die beiden jüdischen Gastgeberinnen und die münsterländische Adelige zeigten die Schwierigkeiten der Frauen­emanzipation, die Mühen sich als denkende und künstlerisch tätige Frau aus dem Käfig von familiären und gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien und in der Öffentlichkeit auftreten zu können.

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