Das Ehrenamt hochleben lassen – 120 Jahre Deutscher Evangelischer Frauenbund in Hannover gefeiert

Demokratie

Mehr als hundert Teilnehmerinnen waren nach Hannover gekommen, um mit dem DEF sein 120-jähriges Bestehen zu feiern. Die Gründung erfolgte im Frühsommer 1899 in Kassel, da dort die Gründungsvorsitzende Gertrud Knudsen lebte. Da sie krankheitsbedingt nur ein Jahr amtieren konnte, kam der Verbandssitz dann nach Hannover, der Heimat ihrer Nachfolgerin, der langjährigen Bundesvorsitzenden Paula Müller-Otfried. Der Bundesverband hat noch immer seinen Sitz in Hannover, deshalb fand dort auch die Jubiläumsfeier statt.

Ein Festgottesdienst in der Marktkirche stand am Beginn des Jubiläumstags. Die Liturgie hatte die Pfarrerin und 2. Bundesvorsitzende Hella Mahler, die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche Hannovers, übernommen. Dort legten Dietlinde Peter, Doris Kischel und Luitgard Herrmann  beispielhaft für alle Mitglieder Zeugnis ab, was es für sie heißt, sich im Deutschen Evangelischen Frauenbund zu engagieren. Das Trio Wesendonck spielte Clara Schumanns Klaviertrio, opus 17. Hella Mahler berichtete von der großen Stärke der Künstlerin, die selbst in schwersten Umständen ihres Lebens, allein mit den Kindern und einem kranken Mann, zu einer solchen Komposition fähig gewesen war. Sie bekannte ihre eigene große Bewegung beim ersten Satz.

Die Predigt hielt Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr so fulminant, dass es die Frauen kaum auf den Sitzen hielt. Den ganzen Tag bis abends wurde davon mit Begeisterung gesprochen. Die Fürbitten für den Verband und seine Mitglieder hielt Hella Mahler mit Dietlinde Peter, Angela-Sophie Brandt, Hannelore Herbel und Doris Kischel.

Nach dem Gottesdienst schritten die Frauen über den Platz hinüber in das Alte Rathaus. Dort konnte Bundesvorsitzende Dietlinde Kunad zahlreiche Gäste begrüßen. Es sprachen die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Jugend, Frauen und Senioren Caren Marks und Franz Müntefering für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Marks setzte das Engagement der Frauen des DEF über die Jahrzehnte mit dem Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht in diesem Jahr in Beziehung und nutzte die Gelegenheit, den Beitrag der Frauen zur Entwicklung und für den Fortbestand der Demokratie zu würdigen. Franz Müntefering strahlte in Gestik und Mimik und als ausgezeichneter Redner selbst viel von dem Elan aus, mit dem auch die DEF-Frauen, allen voran Irmtraut Pütter als Demographiebeauftragte des Bundesverbands, die Arbeit dieses 9 Millionen Mitglieder umfassenden Seniorendachverbands mit tragen und gestalten. Als älteste Besucherin nahm auch eine Dame teil, die die letzte noch lebende Schülerin der Schule des DEF für Soziale Fragen in Hannover ist. 

Bei den weiteren Grußworten von Susanne Kahl-Passoth, Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFID)  und Mechthild Burk vom Bundesvorstand der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) stand das kirchliche Engagement der DEF Frauen im Dachverband Evangelische Frauen in Deutschland und in der Ökumene im Mittelpunkt. Jutta Wojahn vom KDFB verlas das Grußwort ihrer Präsidentin Dr. Maria Flachsbarth Lisi Meier, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit, schickte ein Grußwort. Nach den Reden war Zeit für Gespräche bei einem köstlichen Buffet…

Nach der Stärkung gingen die Feierlichkeiten im Stephansstift weiter. Dort eröffnete Cornelia Wenzel vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel mit einem begeisternden Vortrag. Sie stellte das Archiv des DEF als einen archivarischen Glücksfall dar: Stets sorgsam geführt, in seltener Geschlossenheit und auch schon lange Jahre fachkundig von der gleichfalls anwesenden Halgard Kuhn betreut, kamen 450 Kisten aus dem Archiv des Verbands nach Kassel in das AddF.  Dort wurden die Bestände erschlossen und sogar bereits exemplarisch digitalisiert. Nicht nur das Findbuch des DEF steht online, sondern über die Plattformen META und das neue vom Bund aus Anlass der 100 Jahre Frauenwahlrecht im vergangenen Jahr aufgesetzte Internetportal Digitales Archiv der deutschen Frauenbewegung kann die interessierte Öffentlichkeit auch in beispielhafte Dokumente der 120-jährigen Verbandsgeschichte wie Protokollbücher oder das frühe Pressearchiv über Zeitungsartikel über den DEF Einblick nehmen. Zum Bestand gehören über 3200 Akten, 600 Fotos, über 5400 Bücher oder Broschüren und noch einmal 429 Zeitschriftentitel. Eine wahre Fundgrube für die Geschichte der ersten Frauenbewegung.

Die Frau, die diesen Schatz noch in Hannover hütete und die die Verbandshistorikerin par excellence ist, ist Halgard Kuhn, die die Aufgabe übernahm, die Geschichte der Vorsitzenden der Gründerzeit, Gertrud Knudsen und Paula Müller-Otfried zu schildern, dann die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Gefahren, für die die Theologin Meta Eyl steht. Halgard Kuhn stellte ihr Wirken im historischen Zusammenhang dar, bevor sie mit Hildegard Ellenbeck und Irmgard von Meibom durch die Nachkriegs- und Aufbauzeit bis in die 80er-Jahre führte.

Das Wirken von Brunhilde Fabricius, die leider nicht an der Tagung teilnehmen konnte, schilderte warmherzig Ulrike Börsch. Brunhilde Fabricius hatte neben ihrem Vorsitz im DEF noch zeitweise den Vorsitz bei der Evangelischen Frauenarbeit und war 4 Jahre Präsidentin des Deutschen Frauenrats. Sie war Mitglied in der EKD Synode und in der Landeskirche Hannover. Damit war sie in Kirche und Gesellschaft bestens vernetzt. Inge Gehlert, die von 2003 -2008 Bundesvorsitzende war und noch einmal von 2013-15 den Bundesvorsitz übernommen hatte, berichtete über das Profil des Verbands heute in der Ökumene, der Familienpolitik und im Engagement für die Gesellschaft und dem Einsatz für Demokratie. Die DEF-Frauen hielten dabei an ihrer Freiheit und Unabhängigkeit fest, an ihrer Selbständigkeit und dem Priestertum aller Gläubigen, auch als das nicht einfach war, und den Verband die Zuschüsse kostete und zum Verkauf seiner beiden Häuser in Hannover zwang. Bärbel Clauss konnte den Verband krankheitshalber nur ein Jahr leiten, steht ihm natürlich aber immer noch nahe und nach Kräften zur Verfügung. Seit 2015 ist Dietlinde Kunad die DEF-Vorsitzende, und sie nutzte die Gelegenheit des Jubiläums, um auf die Chancen und Risiken der verbandlichen Gegenwart zu sprechen zu kommen. Ihren Schwung und ihre Begeisterung für den Verband und seine bedeutende Gremienarbeit konnten alle spüren. Oftmals seien die DEF-Frauen in den Gremien die einzigen verbliebenen Ehrenamtlichen unter lauter delegierter hauptamtlicher Fachlichkeit, und sie brächten die Stimme der Ehrenamtlichen, die ja sehr häufig wenn nicht überhaupt meistens Frauen seien, zur Geltung. Gäbe es den DEF nicht, „so müssten wir ihn heute noch ins Leben rufen“. Sie ging aber auch auf die schwere Situation des Verbands ein, dass die Vorsitzenden kaum Nachfolgerinnen finden und viele Ortsverbände nach und nach schließen. Oft sei noch ein Stamm von Frauen vorhanden, jedoch niemand mehr bereit, als erste oder zweite Vorsitzende Verantwortung zu übernehmen.  Wo könne der Verband übernehmen, entlasten, ermutigen, damit die Arbeit weitergehen kann? Solche Zukunftsfragen stelle sich der Verband gerade.

Nach ihrem ernsten Plädoyer für die Verbandsarbeit und das Ehrenamt moderierte Dietlinde Kunad eine Gesprächsrunde mit der sächsischen Bundestagsabgeordneten und CDU-Politikerin Katharina Landgraf, die im Umland von Leipzig beheimatet ist, und der Allgäuer Verbraucherschützerin Lydia Klein. Dabei kamen in äußerst lebendiger Art Erfahrungen von Frauen in Ost und West zur Sprache, Überzeugungen überzeugender Frauen.

Der Jubiläumstag schloss mit einem festlichen Abendessen im Clubraum des Stephansstifts, wo sehr viel erzählt und das Erlebte besprochen wurde.

 

Bettina Marquis