Élisabeth Badinter: Maria Theresia. Die Macht der Frau.

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Rezension von Dr. Johanna Beyer, München

Erinnern Sie sich noch an die aufgeregten Fragen im Juni 2018, als die amtierende neuseeländische Premier­ministerin Jacinda Ardern ein Mädchen gebar und nach sechs Wochen ihre Aufgaben wieder wahrneh­men wollte. Bis in die SZ-Kinderbeilage hat es dieses Ereignis geschafft unter der Überschrift „Eine Frau bekommt ein Baby und fängt wieder an zu arbeiten. Alles ganz normal. Aber gilt das auch für eine Regierungschefin?“ Bislang hatte nur Benazir Bhutto, einstige Premierministerin von Pakistan, 1990, im Amt ein Kind geboren.

Niemand scheint sich daran zu erinnern, dass - bereits lange vor diesen beiden - Regierungsverantwortung und Mutterschaft immer mal wieder zusammen gelebt wurden, im 19. Jahrhundert bei der neun­fachen Mutter und britischen Königin und Kaiserin Viktoria sowie im 18. Jahrhundert bei Maria Theresa, sechzehnfache Mutter, Königin von Österreich und Ungarn.

Wie diese katholische, Österreich prägende Superfrau ihre verschiedenen Rollen als Ehefrau, Mutter und Re­gentin gestaltet hat, das entfaltet Élisabeth Badinter auf 301 Seiten und in acht Kapiteln in dem Buch „Maria Theresia“.

Sie führt die Leserin durch die Biografie dieser großen Herrscherin und zeigt ihre Stärken und Schwächen, wie sie 40 Jahre lang Liebe und Macht managt. Dafür hat die Autorin sechs Jahre Quellen studiert, vor allem Korrespondenzen. Das bedeutet Anekdoten und Schilderungen von Ereignissen, Einschätzungen und Vermutungen. Aus diesem Schatz schöpft die Autorin, um die psychologische Seite dieser mächtigen Frau sichtbar zu machen und ihr gekonntes Spiel mit den Rollen, in denen sie sich situationsgemäß inszenierte, aufzufächern. Interessante Details werden offenbart, beispielsweise über ihre große Liebe Franz Stefan von Lothringen, sodass sie ab der Hochzeitsnacht „im Gegensatz zu den damaligen Usancen bis zum Tod des Kaisers, im gemeinsamen Bett (schliefen)“, (S. 52).

Wir erhalten Einblick, wie sie insbesondere in den schwierigen Zeiten der schlesischen Kriege und der Auseinandersetzung mit Friedrich II (von Preußen) ihre Familie, insbesondere Frauen, als Bündnispartne­rinnen einschaltet und auch mit der russischen Zarin Elisabeth strategisch kooperierte.

Als Ausdruck ihrer Liebe und/oder als Mittel der Befriedung für den immer wieder an die Oberfläche kommenden Konflikt zwischen Herrscherin und Ge­mahlin sorgt sie dafür, ihrem Mann den höchsten, aber auch machtlosen Titel „Kaiser“ zu verschaffen. Ganz machtbewusst, weigert sich selbst aber, sich zur Kaisergemahlin krönen zu lassen; sie will absolute Herrin ihrer Länder sein und bleiben. In Verschrän­kung von Privatem und Öffentlichen repräsentiert sie sich als liebende Frau und mütterliche Regentin, „in Wirklichkeit wechselte die Königin zwischen Weib­lichkeit und Virilität je nach Belieben hin und her, … im Zweifelsfall spielte sie beide Rollen gleichzeitig,…“, (S. 143). Deutet sich in diesem Rollenwechseln nicht schon die moderne Frau an?

Und Maria Theresia prägte ein Bild der Regentschaft aus ihrer Mutterschaft, „zwischen der privaten und politischen Mutterschaft liegt nur ein Schritt, ... an die Macht gekommen … erklärt (sie) und wird es stets wiederholen, dass sie als gütige Mutter ihres Volkes regiert“, (S.139). Bietet sich hier nicht eine aktuelle Assoziation an?

Ein gut lesbares Buch mit den Anmerkungen/ Fuß­noten auf der jeweiligen Textseite. Im Anhang gibt es Übersichten zum Haus Habsburg und den regierten Ländern. Ein aus dem Französischen übersetzter gut lesbarer Text, lassen Sie sich nicht abschrecken davon, dass die Autorin Professorin für Philosophie an der angesehensten Elitehochschule Frankreichs war. Ihre Themen sind die Epoche der Aufklärung und die Ge­schichte der Frauen; in Deutschland erregte sie 1984 erstmals Aufmerksamkeit mit dem Buch „Mutterliebe“.

Paul Zsolnay Verlag, Wien, ISBN 978-3-552-05822-4, 301 Seiten, 24,00https://www.def-bayern.de/