Mütter in der Arbeitswelt wirklich willkommen?

Demokratie

Berufstätige Mütter machen auch im jahr 2019 vielfältige Erfahrungen von Benachteiligungen.

DEF-Landesvorsitzende Inge Gehlert kommentiert: "Diese Veröffentlichung des Bayerischen Landesfrauenrates spiegelt klar die widersprüchliche Situation, in der sich Frauen befinden, die arbeiten wollen. Einerseits sucht die Wirtschaft nach gut ausgebildeten Arbeitskräften, der Staat bemüht sich um Plätze für die Kinderbetreuung, aber wenn dann Mütter sich bewerben und vielleicht Teilzeit arbeiten wollen, werden andererseits von den Personalchefs Schwierigkeiten gemacht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird fast ausschließlich als ein Problem der Mütter gesehen und nicht als Familienaufgabe. Hier brauchen wir ein Umdenken in den Betrieben aber auch in der Gesellschaft."

Stellungnahme des Bayerischen Landesfrauenrates:

Mütter in der Arbeitswelt wirklich willkommen?

Berufstätige Mütter machen auch im Jahr 2019 vielfältige Erfahrungen von Benachteiligungen. Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist längst nicht gelöst.

Das traditionelle Weltbild von Entscheidungsträgern, dass eine berufstätige Mutter nicht belastbar ist und sich nicht genauso für Beruf und Firma einsetzen kann wie ein Vater in vergleichbarer Position, ist das größte Karrierehindernis.1

70 Prozent der Mütter, insbesondere diejenigen in Führungspositionen, fürchten, durch eine längere Auszeit beruflich benachteiligt zu werden, 12 Prozent dieser Frauen meinten sogar, ihren Arbeitsplatz dadurch zu riskieren. Im Gegensatz dazu haben männliche Führungskräfte kein Problem, Karriere und Familie zusammenzubringen. Weibliche Führungskräfte im öffentlichen Dienst des Freistaates Bayern haben insgesamt deutlich seltener Kinder als männliche Führungskräfte. Unter den Führungskräften liegt der Mütteranteil bei 62 Prozent, während 81,2 Prozent der männlichen Führungskräfte Väter sind.2 Noch immer beherrscht das traditionelle Frauenbild Wirtschaft und Gesellschaft, Frauen mit kurzer Elternzeit werden immer noch als zu ehrgeizig und egoistisch wahrgenommen.3 Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) belegt, dass Frauen, die eine kürzere Elternzeit einlegen, sehr viel seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden als Männer mit identischer Elternzeitdauer oder als Frauen mit längerer Elternzeit.

Erschreckend dabei ist, dass auch jüngere Menschen noch dieses überholte Frauen- und Mutterbild haben.

Dagegen propagiert die Wirtschaft die schnelle Rückkehr der Frauen in den Beruf, da der Fachkräftemangel dies erfordere. Auch gaben 68 Prozent der Frauen in einer idw-Studie an, dass sie nach der Schwangerschaft zu ihrem alten Arbeitgeber zurückgekehrt waren und ca. 80 Prozent gelingt es, Beruf und Familie zu vereinbaren.4 Zudem ist die Frauenerwerbsquote in Deutschland in den letzten Jahren von 58,1 Prozent im Jahr 2000 auf 69,5 Prozent im Jahr 2014 gestiegen.5

Dem steht gegenüber, dass das Modell des männlichen Allein- bzw. Hauptverdieners immer noch vorherrschend ist, denn Frauen steuern im Durchschnitt nur 22,6 Prozent zum Familieneinkommen bei. In Dänemark sind es dagegen 42 Prozent. 6 So erfreulich die hohe Erwerbsquote ist, es bleibt das Problem, dass die Frauen überdurchschnittlich in Teilzeit (39 Prozent) und gleichzeitig mit durchschnittlich 20 Wochenstunden relativ kurz arbeiten.

25 Prozent der Mütter konnten nach der Elternzeit die alte Position nicht übernehmen, mehrheitlich waren sie damit unzufrieden. 66 Prozent mussten sich mit einem niedrigeren Tätigkeitsniveau, geringeren Einflussmöglichkeiten, schlechterer Bezahlung und/oder schlechteren Aufstiegschancen abfinden.7 Auch wenn die Vereinbarkeit für ca. 80 Prozent gelingt, zahlen die Frauen dafür einen hohen Preis, sie müssen deutliche Nachteile bei ihren Karrierechancen in Kauf nehmen und unterliegen vielfältigen Diskriminierungen.

65 Prozent der idw-Studienteilnehmerinnen gaben an, dass ihre beruflichen Kompetenzen herabgestuft wurden. Zum einen, indem pauschal über „die Frauen“ oder „die Mütter“ geurteilt werde, zum anderen dadurch, dass sie Kleinarbeit übertragen bekommen, ein Mann jedoch die Anerkennung für das Endresultat alleine einstreicht.

Die OECD-Studie zeigt auf, wie wichtig eine qualitativ und quantitativ gute Kinderbetreuung für berufstätige Mütter ist. In der OECD-Studie heißt es: „In Ländern, in denen Frauen in größerem Umfang arbeiten und es eine gut ausgebaute und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung wie etwa in Finnland oder Norwegen gibt, teilen Eltern unbezahlte Arbeit ausgewogener auf.“8

Forderungen:

1. Unbewusste Wertevorstellungen und Rollenbilder müssen von Politik und Gesellschaft thematisiert werden. Der Prozess ist regelmäßig zu evaluieren.

2. Die Arbeitgeber sind aufgefordert, für Personalentscheidungen Standards zu entwickeln, die die Chancengleichheit sicherstellen.

3. Wir brauchen qualitativ hochwertige und ausreichende Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen, die auch Rand- und Ferienzeiten sicherstellen.

Anmerkungen:

1 idw = Informationsdienst Wissenschaft, Frankfurter Karrierestudie vom 22.07.2015

2 5. Bericht der Bayerischen Staatsregierung über die Umsetzung des Bayerischen Gleichstellungsgesetzes, Stand 2014, Punkt 2.1.3

 3 WZB Studie, WZB Mitteilungen Heft 161, Sept. 2018

 4 Idw - Informationsdienst Wissenschaft vom 22.07.2015

 5 OECD Studie "Dare to Share" 2017, Alle Zahlen beziehen sich auf 2014

 6 OECD Studie "Dare to Share" 2017, S. 144, Alle Zahlen beziehen sich auf 2014

 7 Idw - Informationsdienst Wissenschaft vom 22.07.2015

 8 www. t-online.de, dpa 22.02.2017

Bild: Arbeitende Mutter, rudolf ortner, pixelio/de