Anderthalb Erden zum Frühstück

Wasser Verbraucherbildung

Gedanken zum "World Overshoot Day"

Am 1. August begehen wir einen Denktag, den „Earth Overshoot Day“, den „Weltüberlastungstag“, wie ihn das Bundesministerium für Umwelt nennt. Es ist dieses Jahr der Tag, an dem wir als gesamte Menschheit dasjenige verbraucht haben, was wir an Ressourcen eigentlich das ganze Jahr zum Verbrauch hätten. Nach sieben Monaten sind also die weltweiten Vorräte an Essen, Trinken, Wasser, Wärme, Licht, Energie, Verkehr, Waren schon weg. „Abgefrühstückt“, vor allem von uns, die wir auf der Nordhalbkugel und den reichen Ländern des Westens leben.  

Unvorstellbar: die Züge und Laster und Abermillionen Autos blieben stehen, die Containerschiffe würden noch ein Weniges von ihrem großen Schub vorangetrieben und trieben dann auf den Meeren. Die Flugzeuge dürften noch landen, aber nicht mehr abheben, und die Werke dürften ab sofort die Welt nicht weiter mit ihren Schadstoffen verqualmen.

Aber Essen und Trinken und im Licht sitzen und heizen wenn es kalt ist, das können wir Menschen ja doch nicht aufhören, keinen einzigen Tag. Das ist unvorstellbar! Wir können ja nicht einfach aufhören mit dem Leben.

Aber wir können am Weltüberlastungstag einmal kurz innehalten und nachdenken über die wahnsinnige Vermüllung des ganzen Erdballs, den übermäßigen Verbrauch, auch über den privaten Konsum. Was habe ich wieder alles eingekauft? Weniger Fleisch und Wurst und Käse und mehr Obst und Gemüse, das wäre schon mal ein Schritt. Kaufe ich regional und saisonal, dann habe ich als Verbraucherin auch schon Einiges bewirkt. Das Plastikvermeiden ist aber, wie jede weiß, eine sehr schwere Übung. Fast alles ist abgepackt. Die Supermärkte sind nicht nur Lebensmittelmärkte, sondern auch Müllquellen allererster Ordnung.

Hm, mein vieles Autofahren! Das schlägt negativ zu Buche. Meine verschwenderische Liebe zur Freiheit, die dem Fahren mit der ewig unpünktlichen Bahn in vollklimatisierten Zweierreihen das Auto halt schon vorzieht. Zeug reinhauen, einsteigen, wegfahren. Wann ich es kann und mag. Und anhalten, aussteigen, Pause machen können, ebenfalls, wann ich es mag. Dennoch benutze ich alltags viel die Öffentlichen Verkehrsmittel und habe auch eine Jahreskarte. Und den Weg zur Station fahre ich auch mit dem Fahrrad. Und wir fliegen nur sehr selten.

Ich weiß, dass man nicht viel braucht zum Glücklichsein. Und doch besitzen wir mehrere Tausend Gegenstände, jede Einzelne, haben wir eine schöne große Wohnung, in der wir auch noch Gäste haben können, ein Haus, einen Garten, zwei Autos… Und diese wunderbare Wohnwelt ist in Quadratmetern bemessen zuviel für den Einzelnen. Aber zusammenrücken und notgedrungen zusammenwohnen, das ist halt für jemand hier im Westen auch keine Alternative. Insofern stimmen die Zahlen halt doch nicht so ganz. Wenn mein Wohnen gegen die ganze Welt aufgewogen wird, dann leben wir hier natürlich wie die Könige im Schloss. Und es heißt nicht ganz umsonst „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Das ist die Angst, die jetzt viele haben, mehr oder minder klammheimlich. Dass der globale Süden gegen den globalen Norden aufsteht, weil es so ungerecht ist. Das ist aber ein Weltmaßstab, der der Wirklichkeit nicht entspricht. Den Ängsten vor den Menschen aus dem Süden ist es gleich. Sie sind mit den vielen Tausenden eingewandert und lassen sich nicht einfach totschweigen. Also reden wir über Globalisierung und Gerechtigkeit. Es gibt Gründe, dass es nicht besser wird, und gerechter. Das schadet dem Geschäft. Und das Geschäft machen hauptsächlich wir. Es soll sich an der ganzen großen himmelschreienden Ungerechtigkeit auch gar nichts ändern, im Weltmaßstab. Nur die Güter sollen frei um den Globus, nicht die Menschen. Und frei heißt nicht frei, sondern möglichst abgabenfrei und dereguliert. Keine einschränkenden Bestimmungen für den Welthandel, bilaterale „Deals“. Der faire Handel findet nur in der Einen Welt Bewegung statt, in Weltläden und auf Kirchentagen. Aber der Welthandel ist nicht fair, sondern dieser Freihandel ist unfair. Aber er ist politisch so gewollt.

Wir wissen das nicht erst seit gestern. Und die Dritte und Vierte Welt heißen jetzt mit uns zusammen Eine Welt, aber es folgt nichts daraus. Essen wir den anderen Menschen, die immer immer mehr werden vor allem auf dem Nachbarkontinent Afrika, essen wir ihnen alles weg? Nein, mein Übergewicht ist individuell. Oder unser persönliches Leben, das ist schon unseres -  wir haben es nicht den armen Menschen gestohlen. Insofern hinken die Berechnungen dem Leben hintnach, auch der „Ökologische Fußabdruck“ und das „Virtuelle Wasser“. Aber es sind gute rechnerische Hilfen, über das Leben und die Art, wie wir es jeweils führen, nachzudenken. Ein paar Dinge kann eine jede tun, in ihrer Familie und wir alle in unseren Gemeinschaften. Eine alte Dame rief neulich entrüstet in einem Vortrag: „Wir tun doch eh schon so viel!“ Ja, aber das Elend anderer bleibt unermesslich. Und wir dürfen nicht fortschreiten auf dem Weg der Naturzerstörung, sondern müssen halt im Interesse der Kinder und Enkelkinder die Welt nach Kräften bewahren helfen. Daran erinnert uns auch der alberne Name „Earth Overshoot Day“, der Tag, an dem wir schon wieder im Verbrauch weit über das Ziel der globalen Verträglichkeit hinausgeschossen sind. Wenn sie einen Verbrauch von drei Erden für jeden von uns in Deutschland, fünf Erden für einen Amerikaner, anderthalb Erden für jeden Menschen auf diesem einzigartigen Planeten rechnerisch zugrundelegen, ist das grotesk falsch. Aber es ist richtig, uns an die Ziele der Nachhaltigkeit zu erinnern. Weil wir halt keine Ersatzerde haben, sondern nur diese Eine Welt.

Bettina Marquis