"Sophie Isler verlobt sich"

Buchtipps

Ein Stück deutsch-jüdische Familien- und Kulturgeschichte

"Sophie Isler verlobt sich. Aus dem Leben der deutsch-jüdischen Minderheit im 19. Jahrhundert": Das unter diesem Titel von Martina G. Herrmann im Verlag Böhlau herausgebrachte Buch wurde im Literarischen Club des DEF München besprochen. Vor dem Hintergrund der gerade aktuellen Diskussion um einen "neuen Antisemitismus" in Deutschland stellte sich die Frage, ob es sich vielleicht doch um einen alten europäischen Antisemitismus in Deutschland und Mitteleuropa handeln könnte. Die Betrachtung des Werkes hatte also an Aktualität noch gewonnen.

Buchpatin war die DEF-Landesvorsitzende Inge Gehlert, die eigens aus Aschaffenburg angereist war. Sie erklärte den Aufbau des Buches in einen Quellenteil, bestehend aus den annähernd 200 Brautbriefen der Sophie Isler mit ihrem späteren Ehemann, sowie den Kommentar. Beides verwandte und verwob sie zu einem kundigen Bericht von der halb arrangierten und dann aber auch ganz entschieden von beiden Partnern gewollten Ehe, auf die sie sich nach dem ersten Kennenlernen in beinahe täglichen Briefen vorbereiteten. Gegensätze zwischen den verschiedenen Ausprägungen des jüdischen Lebens in der Großstadt Hamburg mit ihrem liberalen Milieu und dem kleineren Braunschweig wurden ebenso offenbar wie das beiderseitige Bemühen, zu guten gemeinsamen Lösungen, etwa bei der Einrichtung der künftigen gemeinsamen Wohnung zu kommen. Die Braunschweiger Familie Magnus, der Vater ein Arzt, der Sohn und spätere Ehemann ein Rechtsanwalt, war hingegen sportlich und naturverbunden. Den dort üblichen langen Wandermärschen im nahen Harz konnte Sophie nichts abgewinnen. Bei der Briefeschreiberin Sophie blitzt neben dem großen Selbstbewusstsein der hochgebildeten und ihrem Vater in seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen assistierenden jungen Frau auch eine gute Portion Humor auf. Bei aller Konvention und vielerlei verwandtschaftlichen und standesgemäßen Rücksichten, von denen der Brautstand geprägt ist, wirkt vor allem Sophie dann auch modern. Sie geht ihre Ehe und die Gestaltung des gemeinsamen Lebens entschieden und selbstbestimmt an und findet in ihrem Ehemann den diese Emanzipation mittragenden passenden Partner. Der Wunsch nach einer über ein halbes Jahrhundert haltenden Ehe wurde tatsächlich erfüllt. Beide Ehepartner starben kurz nacheinander 1920; Sophie infolge der Spanischen Grippe. Der Sohn lebte nur bis 1927, aber die Tochter musste schon mit ihrer Familie Deutschland verlassen und emigirierte nach Dänemark. Dort starb sie 1971. Der sorgfältige Kommentar spannte also wie Inge Gehlerts Vortrag einen Zeitraum von über 150 Jahren deutsch-jüdischer und somit auch euroäischer Geschichte auf. Mag auch die Welt des gehobenen städtischen jüdischen Bürgertums durch die Judenverfolgung schon sehr lange her scheinen, so ist durch die Lebendigkeit der Briefe und des Vortrags diese untergegangene Welt uns wieder als ein Stück gemeinsamer Geschichte und kulturellen Erbes nahegebracht und bis in die 70er Jahre fortgeführt worden. Eine solche Erinnerung kann bei der Betrachtung der Gegenwart nur von Nutzen sein.

 

Bilder: DEF/A. Kamhuber