Vielfalt abbilden, Verständigung fördern, Identität geben

Verbraucherbildung

Der öffentlich rechtliche Rundfunk und sein Bildungsauftrag

BR Rundfunktagung

Die Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Bayern (EFB), Elke Beck-Flachsenberg, konnte über 60 Teilnehmerinnen, überwiegend aus den Reihen des DEF und der EAM, zur Rundfunktagung der Evangelischen Frauen im Funkhaus München begrüßen. Die Tagung stand unter dem ernsten Motto „Bildung in bewegten Zeiten und in einem geschichtsträchtigen Jahr“, und so kam Beck-Flachsenberg brandaktuell auf die Volksabstimmung in der Schweiz über die dortigen Rundfunkgebühren für die Schweizerische Rundfunkgesellschaft SRG zu sprechen. Wie würde im Moment eine solche Volksabstimmung über die Rundfunkgebühren in Deutschland ausgehen?

Damit war gleich die Brücke gebaut zum Impulsvortrag von Dr. Hans-Martin Schmidt, Leiter der Abteilung Koordination in der ARD und Medienpolitik. Er sprach gar von „Schicksalsjahren der ARD“. Der BR hat im Moment den Vorsitz der ARD inne, aber die ARD ist an sich juristisch nicht existent, da die neun Landesmedienanstalten des Ersten Deutschen Fernsehens (Das Erste) je für sich auftreten. So konnte mit Recht die ans Publikum gerichtete scherzhafte Frage, wo denn die ARD ihren Sitz habe, nicht beantwortet werden, hingegen die Frage, wie hoch die umstrittene Rundfunkgebühr liegt, genauestens mit 17,50 Euro beziffert werden.

Die eigentlich wichtigen zwei Fragen und Herausforderungen sieht Schmidt in einerseits dem Populismus und andererseits der Haltung „Ich zahle nur für das, was ich nutze!“ Populismus ist derzeit ein Faktor in vielen Ländern Europas, vor allem Polen und Ungarn, aber auch Skandinavien, insbesondere Dänemark, oder auch in der Schweiz. Deutschland ist also keine Ausnahme. Der Populismus richtet sich nicht selten gegen die Medien, und auch bereits gegen die Rundfunkgebühr. In der Schweiz wurde die Initiative  gegen Rundfunkgebühren „No Billag“ von der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen und so eine Volksabstimmung gegen die Finanzierung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks in der Schweiz auf den Weg gebracht. Zwar ging diese am 4. März mit 72 Prozent deutlich gegen die Abschaffung der Gebühren und für den Erhalt eines alle Landesteile in ihrer Vielfalt repräsentierenden Systems aus, aber dennoch stellt sich auch für hier die Frage: Wer zahlt schon gerne freiwillig Rundfunkgebühren? Also warum diese nicht abschaffen? Was sind denn eine solidarische Gesellschaft und hochwertige Medien noch wert?

Die Schweiz hat diese Frage positiv beantwortet und sich für ihr solidarisches Rundfunksystem entschieden. Der zweite Punkt ist die Frage nach dem ausschließlichen persönlichen Nutzen. Sportrechte sind teuer. Warum soll die ARD sie kaufen? So viel Geld ausgeben, für Sport, für Orchester, für Kultur? Könnten nicht die dritten Programme abgeschafft werden, sind diese nicht überhaupt nur für die ältere Generation? Hier scheiden sich die Geister je nach den persönlichen Interessen. Aber können und sollten diese Interessen nicht ausgeglichen werden? Gleichzeitig genießt der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk eine hohe Akzeptanz und starkes Vertrauen. Hörfunk wird jeden Tag von mehr als der Hälfte der deutschen Mediennutzer gehört, beim Fernsehen haben ARD und ZDF aber mit 45 Prozent einen geringeren Zuschaueranteil als kommerzielle Sender, vor allem RTL und Sky. Die Öffentlichen können nicht mit weltweit agierenden Anbietern großer Serien wie Netflix konkurrieren, aber sie bieten in Zeiten der Globalisierung eine regionale, beim BR also bayerische, Verankerung, Identität. Die regionale Vielfalt macht den „Tatort“ so erfolgreich. Öffentliche übernehmen auch Verantwortung für ihre Inhalte von der Recherche ab. Qualitätsrundfunk und –fernsehen, über das man sich auch beschweren kann und eine Antwort darauf erhalten wird. Eine Verantwortung, die zum Beispiel die Sozialen Medien nicht tragen und nicht übernehmen wollen. Durch ihren nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Meinungsbildung entsteht vor allem vor Wahlen eine für die Demokratie insgesamt nicht gefährliche Lücke. Verantwortung werde immer wichtiger.

Diese Vielfalt im Angebot wird durch die Rundfunkgebühren finanziert. BR-Intendant Ulrich Wilhelm hat es als derzeitiger Sprecher der ARD unternommen, für eine Anhebung der Gebühren als Teuerungsausgleich zu kämpfen. Seit 2009 sind die Gebühren gleich geblieben, Personal, für das man langfristig die Verantwortung trägt, will davon unterhalten, gestiegene Gehälter finanziert werden. Die Vertragskosten sind ebenso gestiegen wie die für zum Beispiel den Strom. Zwar sind bereits viele Sparanstrengungen unternommen worden. Kommt nun aber keine Erhöhung und soll weiter gespart werden, so wird es zu Einbußen an Sendungen, Kanälen und Personal und somit der Qualität kommen. Dies wird von der ARD an die zuständige Politik übermittelt. Die ARD wünscht eine breite Debatte über die Medien und den Qualitätsjournalismus, und auch die Teilnehmerinnen der Rundfunktagung seien als Multiplikatorinnen gefragt. Die lebhafte Diskussion zeigte, dass die Evangelischen Frauen zwar am Öffentlich Rechtlichen System festhalten möchten, aber einer tGebührenerhöhung auch nicht blind zustimmen. Die Gehälter von Vorständen und Anchormen wie Claus Kleber wurden kritisch hinterfragt. Oder warum müssen Ereignisse wie Königshochzeiten mit mehreren Teams drei- und vierfach abgedeckt werden, statt nur von einem Sender übertragen zu werden?

Zum Vortrag von Werner Reuß, Leiter des Programmbereichs Wissen und Bildung beim BR, betonte Elke Beck-Flachsenberg die sogar noch gestiegene Bedeutung von Bildung in der Ellenbogengesellschaft. Sie schafft Identität in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Reuß sprach engagiert über den "Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs“. Einer Zunahme an Diversifizität (Diversität) entspräche auf der anderen Seite die Abnahme der Bedeutung intermediärer Organisationen wie der Gewerkschaften, Kirchen, Parteien oder auch dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Die Akzeptanz ginge zurück, der Ton aber werde aggressiver. Es gebe eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft, die nicht nur beim Rundfunk, sondern auch bei den Renten oder den Gesundheitskosten zu spüren sei. Alles sei der Ökonomie und Effizienz unterworfen. Dennoch sollte man nicht aufgeben, sollten auch die Medien weiter für Qualität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stehen. Sie hätten einen Bildungsauftrag, sie sollten die Vielfalt des Lebens in ihrer Gesellschaft abbilden. Das sei auch ein Beitrag gegen die Zentrifugalkräfte, die in unserer Gesellschaft wirken. Ein Problem sieht Reuß in den „lauten“ Interessen und im gleichzeitigen Schweigen der Mehrheit. So erschienen manche Phänomene in den Medien größer, als es der Wirklichkeit entspräche. Es erhebe sich die bange Frage„Gehöre ich eigentlich noch zur Mehrheit?“ Es sei ein massiver Vertrauensverlust in die gesellschaftlichen Eliten zu bemerken, ein Antiintellektualismus, auch ein großes Ungerechtigkeitsempfinden. Es entstünde eine antipluralistische Sehnsucht. Fakten würden teilweise nicht mehr akzeptiert. Die Begriffe „postfaktisch“ und „alternative Fakten“ lehnte er klar ab, vielmehr sei dies „kontrafaktisch“. Durch den Wegfall der Bipolarität (Trennung in Ost und West) fehlten die Ordnung und Stabilität. Der Demokratie fehle ein gemeinsames Narrativ, gemeinsame Werte, Ziele, oder wie es Joachim Gauck ausgedrückt habe, seien „Liberale Demokratien unter Beschuss!“ Auch europäische Demokratien hätten Einschränkungen von Grundrechten wie Presse- und Versammlungsfreiheit, wir erlebten eine Entfremdung von Staat und Gesellschaft und bei einer Verschärfung der Arbeitskultur gehe das bürgerschaftliche Engagement, der Wunsch, mitzumachen, verloren. Die Gesellschaft sei in Bewegung, aber im Inneren gehe es auseinander. Der Wunsch nach Sicherheit kollidieren manchmal mit dem nach Freiheit. Ambivalenzen müssten ausgehalten werden. Erstmals beim Balkankrieg, erneut in der Ukrainekrise, stelle sich auch die Frage, ob denn ein Krieg in Europa wieder möglich werde?

In der notwendigen Debatte sei die soziale Abschottung, vor allem in den   Netzwerken, bedenklich. Gemeinsame Werte, ein gemeinsames Wissen, würden immer mehr in Frage gestellt. Das Vertrauen in Institutionen und NGOs sei abgestürzt. Wenn es keine einfachen oder mehrere Wahrheiten gibt, verunsichert das. Dennoch oder gerade vertrauen in den Zeiten von fake news und Social Media, hoher Emotionalität und Ablehnung von Fakten, von Kommerzialisierung drei Viertel der Menschen den Öffentlich Rechtlichen Medien. Im Fazit: Mehr Diversität brauche den Öffentlich Rechtlichen Rundfunk. Dieser sei frei von Weisungen und habe den Programmauftrag. Er bilde die Gesellschaft in ihrer Vielfalt ab und schaffe Akzeptanz dafür. Die Bildung vermittele das für die Demokratie nötige gemeinsame Wissen, den Grundstock, die Hintergründe. Ein Modell dafür sei der „Bildungswürfel“ mit den sechs Seiten: kulturell, materiell, sozial, personal, musisch-künstlerisch, empathisch. Und der Würfel sei ständig in Bewegung, falle nicht immer gleich. Das sei als siebte Dimension die Frage nach dem Sinn, dem Warum, dem Motiv. Das versucht das Ressort Wissen und Bildung des BR mit fünf Abteilungen umzusetzen. Wie das im Konkreten aussehen kann, verdeutlichte ein kurzer Ausschnitt aus einem biographischen Film über Charlotte Knobloch, in dem auch mit Zeichnungen, mit Animation, gearbeitet wurde, um die Hintergründe der Zeit zu erklären, bevor Frau Knobloch selbst ins Bild kam.

Was der Programmauftrag und der Auftrag zur Bildung konkret bedeuten, wie sie Identität durch Wissen bilden können, das verdeutlichte Andrea Bräu, Redakteurin für Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft und Vertreterin des BR im Geschichtlichen Arbeitskreis der ARD. 2018 sei ein geschichtsträchtiges Jahr, längst nicht nur wegen der 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die Fachredaktion Geschichte (Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft) liefert jeweils geschichtliche Inhalte, hat aber keinen festen Sendeplatz. Beiträge erscheinen in verschiedenen Sendungen wie „montags, 21.15: Bayern erleben“. So geht es bei „Bier und Macht“ um die Wittelsbacher und zum 250. Todestag von Cuvillies heißt es „Rokoko in Bayern“.

In der Reihe dienstags, 22.30 „Kultur und Geschichte“ wird aktuell „Mythos 68“ in zwei Teilen gesendet. Im Aufbruchsjahr 1968 war die Jugend wild und rebellisch und wollte frei sein. Wie passen da Langhaarige und Lederhosen zusammen? Man kann dazu viele Fakten, Meinungen, Filme, Dokumentationen usw. zusammenstellen. Im Gegensatz zu den wilden 68ern steht die Sendung „König Ludwig I und sein Bavaria“ anlässlich seines 150. Geburtstages. Eine Sendung über Golda Meir (150. Geburtstag / 40. Todestag) kommt in der Sendereihe „Politische Dokumentation“, mittwochs 22:00 Uhr. ARD alpha sendet 5x14 Minuten „Geschichte zum Mitnehmen“.

Für Frauenverbände wie in der EFB vielleicht besonders interessant sind Sendungen aus dem Frauenschwerpunkt in der Sonntagssendung um 12:00 Uhr „Geschichte am Sonntag“. Hier sind Wiederholungen bereits produzierter Sendungen zu sehen, etwa „Anita Augspurg“ oder „Die Heldin von Gaeta“. Vom 6. bis 11. März 2018 gab es eine eigene Themenwoche „Zukunft ist weiblich“. In der Sendung „Geschichte im Ersten“ werden Themen wie „Deutschland 1968“, „Der Marshallplan“ oder das Frauenwahlrecht „Sie hatten keine Wahl“ aufgegriffen und dazu im Trailer „Sieg der Frauen“ gezeigt, wie es den Suffragetten erging, die mit spektakulären Aktionen um das Frauenwahlrecht kämpften und dabei auch vor Gewalt gegen Sachen nicht zurückschreckten. Waren sie Märtyrerinnen, da sie ja ins Gefängnis geworfen wurden, und dort nach ihren Hungerstreiks zwangsernährt wurden? 2018 ist eben doch ein Jahr, in dem des Kampfes um das Frauenwahlrecht bei allen Jubiläen und Gedenktagen besonders gedacht wird.

Wie aber wird gearbeitet, was schafft es ins Programm? „Neues trimediales Arbeiten und strukturelles Vorgehen zur Definition gesellschaftsrelevanter Schwerpunktthemen“ stellte die Redakteurin von „Wissen und Bildung aktuell“ Miriam Stumpfe vor. Auf die Trimedialität (Ausspielen von Beiträgen in Hörfunk, Fernsehen und online im Internet) legen die Sender der ARD wie der BR größten Wert und sehen sich dabei als Vorreiter. Hierbei, erklärte Stumpfe, gehe es nicht nur um Basiswissen, denn die Herausforderungen wüchsen ständig durch neue Themen, die eine schnelle Reaktion erfordern. Man will Spezialinformationen beschaffen, unbedingt fundiertes und differenziertes Hintergrundwissen liefern, Studiogespräche führen und Fachkompetenzen bündeln, und alles so aufbereiten, dass es sowohl im Fernsehen, im Hörfunk und Online angeboten werden kann. Sie zeigte das Zusammenwirken der einzelnen Redaktionen am Beispiel des Dieselskandals der Autoindustrie. Hier war die Vernetzung aus Gründen der Aktualität kurzfristig.

Die trimedialen Redaktionen unterstützen sich gegenseitig und planen auch langfristig. Man bespricht miteinander, welches Thema wichtig wäre und was man selbst leisten kann, wozu andere vielleicht gerade nicht in der Lage sind. Es treffen sich die Redaktionen zum Ideenaustausch, und es wird besprochen, ob ein Thema relevant und nachhaltig ist und welches Hintergrundwissen benötigt wird. Ist das Thema vielfältig darstellbar, wie in der trimedialen Arbeitsweise gewünscht? Ist es bildstark, oder auch ohne Bilder verständlich? Das emotionale Erleben kommt ebenfalls ins Spiel. Es kann selbstverständlich nicht jedes interessante Thema aufgegriffen werden und nicht nur aus Geldmangel, man sucht und benötigt ja auch z.T. Kooperationspartner. 

D a s  Ereignis 2018 wird aber "Die Perfekte Mondfinsternis" am Freitag, den 27. Juli, die bei klarem Himmel direkt nach Sonnenuntergang von 21.30 Uhr bis 23.13 Uhr auch in ganz Bayern sichtbar sein wird. Hierzu kann man eine ganze Reihe von Themen aufgreifen: NASA/ISS/Mondmission/ Was ist dran am Mondmythos? oder Lieder über den Mond. Es wird zudem ein Grundwissen in Astronomie vermittelt, und es werden praktische Tipps zum Beobachten und Fotografieren bzw. Filmen gegeben."

Bekanntermaßen sind Geschichtssendungen mit Hintergrundwissen wie alle Kulturbeiträge eher auf späteren Sendeplätzen zu finden; daher empfiehlt sich die Nutzung der Mediatheken. Die Sendungen  sind normalerweise ein Jahr abrufbar. Das Ausstrahlungsrecht einer Sendung gilt für 5 Jahre, aber es muss noch rechtlich geklärt werden, ob man nach erneuter Ausstrahlung eines Beitrags ihn nochmals online stellen darf. Bei alten Produktionen gibt es oft keine Online-Rechte. Der Onlinebereich ist in jedem Fall sehr wichtig und der Weg der Zukunft. Der Öffentlich Rechtliche Rundfunk muss auch online präsent und verfügbar sein, und hat den Willen, hier vorne mit dabei zu sein.

Bettina Marquis/Lilo Wendler

.

.

Fotos: EFB-Rundfunktagung 20.03.2018, Johanna Schlüter BR