Auf den Spuren der Reformatoren in der deutschsprachigen Schweiz

Inge Gehlert Reformation

Studienreise des DEF-Landesverbands

Am 6. Mai 2019 startete eine beeindruckende Gruppe von 41 Teilnehmenden zur diesjährigen Studienfahrt des Landesverbands. Das Busunternehmen hatte es geschafft, dem Hotel 21 Einzelzimmer abzutrotzen, sodass alle Zimmerwünsche der Mitfahrenden erfüllt werden konnten. Leider mussten wir diesmal auf unseren bewährten und beliebten Fahrer Friedrich Stoll ver­zichten, der krankheitsbedingt die Fahrt an seinen Mitarbeiter Mario übergeben hatte. Auf diesem Weg noch einmal die herzlichsten Genesungswünsche.

Aber Mario erfüllte alle Wünsche der Mitreisenden und fuhr uns sicher und geschickt durch fremde Städte, schmale Straßen und enge Parkplätze. Auch das Mittagessen am Bus, das immer die Gemeinschaft fördert, fand zu aller Zufriedenheit statt. Und Gott sei Dank, auch immer bei trockenem Wetter, was leider nicht selbstverständlich war. 

Noch bevor wir unser Hotel in Rickenbach erreichten, machten wir Halt in Basel, um bei einer Stadtführung den Spuren der Reformation zu folgen. Wir hörten aber auch von den Schönheiten der Stadt Basel, deren Altstadt mit zu den besterhaltenen zählt, obwohl im 13. Jahrhundert ein Erdbeben große Teile der Stadt zerstört hatte, darunter auch das Münster, das 1356 wieder im gotischen Stil erbaut wurde.

Als bedeutende Männer der Reformation lernten wir Erasmus von Rotterdam und Johannes Husschyn, genannt Oekolampad, kennen. Sie bereiteten den Boden durch ihre wissenschaftlichen Studien, Erasmus durch seine neuen Bibelübersetzungen, Oekolampad durch seine Predigten, die den Rat der Stadt - auch auf Druck durch die Handwerkerzünfte - schließlich veranlassten, die Reformation einzuführen und die „Altgläubigen“ aus der Stadt zu vertreiben. An der Peterskirche wurde 1529 der Humanist Paul Phrygio vom Rat der Stadt zum ersten reformierten Prediger ernannt.

Durch den Bildersturm gingen viele Kunstwerke verloren. Aber dennoch ist Basel reich an Schätzen, und auch die heutige Kunst findet sich in den Museen, wenn wir an Tinguely denken mit seinen beweglichen Skulpturen. Bei einem Blick über den Rhein erlebten wir die heutige Silhouette der Stadt, mit ihren großen Bauten, die von Basel als Industriestandort sprechen.

Der Bus wartete am vereinbarten Treffpunkt, um uns wieder zurück über die Grenze zu unserem Hotel zu bringen. Die Zimmerverteilung verlief problemlos, und bald konnten alle an freundlich gedeckten Tischen Platz nehmen und sich das wohlverdiente Abendessen schmecken lassen.

Auf der Fahrt nach Bern am nächsten Morgen konn­ten wir in der Ferne die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau sehen. Ein wunder­schöner Anblick. Immer wieder erfreuten uns die Berge mit ihrem Anblick, wenn wir morgens zu unseren Zielen aufbrachen. 

Der zweite Tag in Bern ließ uns wieder neue Namen und Persönlichkeiten kennenlernen. Bern, die Bundes­hauptstadt, empfing uns mit Sonnenschein, sodass wir die Stadt von ihrer schönsten Seite besichtigen konnten. Die Altstadt mit ihren Bürgerhäusern, den überdachten Laubengängen mit den Kellern ist be­eindruckend. Rechtzeitig waren wir auch an der „Zytglogge“, dem ältesten westlichen Stadttor, wo immer vier Minuten vor der vollen Stunde ein Glockenspiel stattfindet.

Maßgeblich für die Reformation waren in Bern Kaufleute, Handwerker und Künstler und nicht so sehr ein bestimmter Prediger. Die selbstbewusste Bürgerschaft der Stadt war mit dem Gebaren der Kirche und der Bischöfe nicht einverstanden, und ein Kauf­mann, Bartholomäus Maly, war einer der Männer, die die Reformation vorantrieben. Er hatte einflussreiche Freunde, und so wurde Berchtold Haller als „Leut­priester“ ans Berner Münster berufen. Hier hielt er seine evangelischen Predigten und fand Unterstüt­zung beim Künstler Niklaus Manuel, der uns immer wieder in Bern begegnete. Nach einer Disputation, zu der auch Zwingli mit einer Delegation aus Zürich erschienen war, ordnete der Rat 1528 die Einführung der Reformation in der Stadt und Landschaft Bern an. 

Unser Weg führte uns dann aus der Geschichte in die Gegenwart. Am Nachmittag begrüßte uns die reformierte Kirchengemeinde in Aarau mit Kaffee und Kuchen in ihrem Gemeindehaus, benannt nach dem Reformator Bullinger, und Pfarrerin Dagmar Bujack beantwortete all unsere Fragen nach dem Gemeindeleben in ihrer Gemeinde. Sie selbst kommt aus der Württembergischen Kirche und arbeitet in Aarau mit drei weiteren Pfarrern zusammen, bei ca. 5000 Gemeindemitgliedern. Die Gemeindearbeit ist vergleichbar, ob reformiert oder lutherisch, jedoch liegen der Gemeindeaufbau und die Verantwortlich­keiten nicht nur bei den Ordinierten, sondern stärker bei den Ehrenamtlichen. Den Vorsitz im Kirchenvor­stand hat im Allgemeinen ein Laie.

Die großen Grabenkämpfe, die damals Luther, Zwingli und Calvin ausgefochten haben, sind heute Geschichte. Es gibt noch die unterschiedliche Auf­fassung in der Frage des Abendmahls, aber seit der Leuenberger Konkordie1) besteht Kanzel- und Abend­mahlsgemeinschaft zwischen den Kirchen der Refor­mation. Auf dem Weg zur Kirche durch die Altstadt von Aarau wandten sich unsere Blicke immer wieder nach oben, denn die Giebel der Häuser sind mit den Dachründen verziert, das sind bemalte Dachunter­seiten.

Die Kirche selbst wurde 1478 erbaut und wurde 1528 auf Druck aus Bern reformatorisch. Man musste auch die Orgel aus der Kirche entfernen, erhielt aber 1755 von den „Gnädigen Herrn aus Bern“ eine neue Orgel, die über die Aare verschifft wurde.

Nach diesem angefüllten Tag genossen wir die angenehme Fahrweise von unserem Busfahrer Mario, der uns wieder ins Hotel zurückbrachte, wo das wohl­verdiente schmackhafte Abendessen auf uns wartete.

Inge Gehlert, DEF Landesvorsitzende

 

 

 

1) Informationen zur Leuenberger Konkordie (Auszug aus Wikipedia)

Die Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa, kurz Leuenberger Konkordie, ist das Gründungsdokument der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, früher Leuenberger Kirchengemeinschaft. Sie entstand nach zwischenkirchlichen Lehrgesprächen 1973 im Schweizer Tagungshaus Leuenberg in Hölstein bei Basel. Sie be­endete die Kirchenspaltung zwischen den reformierten und den lutherischen Kirchen und stellte Kirchengemein­schaft unter den evangelischen Kirchen lutherischer und reformierter Prägung in Europa her.