Geschichte des Deutschen Evangelischen Frauenbundes

Visionen der Gründungsfrauen und unsere Motivationen heute
Aus einem Vortrag von Katharina Geiger
Visionen der Gründungsfrauen:

Am 6./7.Juni 1899 wurde des Deutsch-Evangelische Frauenbund (seit 1969 Deutscher Evangelischer Frauenbund) in Kassel gegründet: der erste selbständige, von Frauen bestimmte evangelische Frauenverband war geboren. Gemessen an anderen Frauenorganisationen geschah der Aufbruch relativ spät. Der DEF verstand sich aber immer als Teil der Frauenbewegung mit einem betont protestantischen Selbstverständnis. Wir sind kein revolutionärer, sondern ein bürgerlicher Verband, von anderen vor allem in der Anfangszeit ein wenig belächelt als „Damen mit Hut“.

Die Zielgruppe waren evangelische Frauen, aber auch bestehende Frauenvereine und „Anstalten für Frauen auf evangelisch-christlicher Grundlage“. Die Mitglieder kamen meist aus dem Umkreis der Inneren Mission oder dem Erziehungswesen. Sie entstammten zum größten Teil den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten, vor allem dem Bildungsbürgertum und dem Adel. Die guten Kontakte zum Adel und den politischen und kirchlichen Führungseliten öffnete so manche Tür. Ca 60 bis 70 Prozent der organisierten Frauen waren verheiratet. Treibende Kraft waren aber meist die unverheirateten Mitglieder, die ihre eigene gesellschaftliche Situation verbessern wollten. Zugleich setzten sie sich aber auch engagiert für die Interessen anderen Frauen ein.

Die Antriebsfeder zu Gründung war die Hoffnung auf eine christlich-soziale Gesellschaftsordnung, in denen die Frauen eine besondere Rolle einnehmen sollten. Ist dieser Gedanke nicht auch in unserer heutigen nach Werten suchenden Zeit so aktuell wie vor 110 Jahren? Damals musste dieses aber auch mit Leben gefüllt werden, daher die Gründung eines evangelischen eigenständigen und unabhängigen Frauenverbandes! Das traditionelle Weiblichkeitsbild der Gründungsfrauen des DEF mit Emotionalität, Einfühlungsvermögen und sozialem Empfinden übertrugen die Frauen des DEF auf die gesellschaftliche Ebene – ganz bewusst als Ergänzung zur männlichen Sicht und Handlungsweise! Die Vision lautete: „Frauen und Männer sind gleichwertig, aber sie sind eben nicht gleichartig!“

Schon in seiner Satzung von 1899 wurde als Ziel formuliert „für die Lösung der Frauenfrage sowie für die soziale und wirtschaftliche Hebung des Volkslebens“ zu wirken und „dabei stets in Christi Nachfolge“ zu stehen.

Schwerpunkte der Arbeit:

Verbesserung der Ausbildung der Frau in wissenschaftlicher, gewerblicher, wirtschaftlicher und sozialer Beziehung

  • Verbesserte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. In vielen Bildungsbereichen wurde auch Neuland betreten,
    z.B. Errichten von Darlehensfonds für Frauen ohne finanziellen Rückhalt, um diesen eine Ausbildung zu ermöglichen.
    z.B. 1905: Gründung der Christlich-sozialen Frauenschule in Hannover – Erste Ausbildungsstätte für Frauen im sozialen Bereich
  • Forderung nach angemessen bezahlter Arbeit und besseren Arbeitsbedingungen: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“: konkret wurde vor Ort Stellenvermittlung für Dienstmädchen und deren Beratung angeboten. Heute ist die Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ leider immer noch aktuell – auch andere Akteure fordern diesen Grundsatz.
  • gesellschaftspolitische Bildung der Frauen, damit Frauen fundiert informiert waren, um ihre Stimme den richtigen Partei zu geben (vor allem nach 1919 - Frauenwahlrecht!)

Christliche Liebes- und soziale Hilfstätigkeit“ als Gebot der Nächstenliebe: heute würden wir soziales Engagement dazu sagen:

  1. Armenpflege, Fürsorge für Alte und Einsame, Kranke,
  2. Errichtung von Kinderhorten, Kinderheimen, Krippen,
  3. Jugendpflege: „Evangelische Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit“


„Hebung der öffentlichen Sittlichkeit“ und der Kampf gegen den allgemeinen Verfall tradierter christlicher Werte, Normen und Sitten

  1. für die bürgerliche Ehe- und Familienauffassung – gegen Doppelmoral bei Prostitution und Kampf gegen kasernierte Prostitution -> heute unser Einsatz gegen die Zwangsprostitution!
  2. Kampf gegen Armut und soziale Verelendung: in Gefängnissen, Bahnhofsmission, Kaffeeküchen gegen Alkoholprobleme bei Arbeiterinnen, ( konkret – zahlreiche Einrichtungen der vorsorgenden und nachsorgenden Fürsorge wurden geschaffen: z.B. Säuglingsheime)
  3. und die erste Medienarbeit beginnt: z.B. Büchereien werden eingerichtet und  Plakatwerbung wird beurteilt – eventuell zu freizügig – Sittenverfall -> heute unser Einsatz für Jugendmedienschutz und Medienpädagogik

Lösung der „Frauenfrage“: Mehr Rechte und Pflichten für Frauen in Kirche und Staat:

  1. Forderung nach Abschaffung von Frauen benachteiligenden oder ausschließenden Paragraphen, etwa beim Vereinsrecht und in der Gewebeordnungen (- Konkret: Rechtsberatungsstellen in einigen OV)
  2. Forderung nach der Einführung des aktiven Wahlrechts für Frauen in Kirche und Kommune, aber nicht auf Reichsebene
  3. Forderung nach Gleichberechtigung von Frau und Mann in der Kirche (nicht ohne Grund war die 1. ordinierte Pfarrerin in Bayern eine engagierte DEF-Frau)

 

Die Gründungsfrauen haben ihre Visionen schon im Namen zum Ausdruck gebracht:
Deutscher – wir sind eine deutschlandweite tätige Organisation, vernetzt, verzahnt jenseits des eigenen Kirchturms blickend – über den eigenen Kreis hinausschauend.

Evangelischer – unser Fundament ist das Evangelium von Jesus Christus, wir sind selbstständig, aber dennoch Teil der Kirche  - unsere gemeinsame Basis ist das christliche Menschenbild.

Frauen – unsere Mitglieder sind Frauen und unsere Ziele und Forderungen orientieren sich am Wohle der Frauen (und Familien)

Bund – verlässliche und dauerhafte Gemeinschaft, mit einer Satzung aus der Rechte und Pflichten nachzulesen sind, unabhängig, überparteilich, aber  keine Projektgruppe.

Eine zweite große Gründungswelle können wir nach dem 1. Weltkrieg 1919 beobachten. Frauen erkannten, wie wichtig ihr aktiver Beitrag zum Aufbau der Demokratie war – nach dem verlorenen Weltkrieg und den enormen gesellschaftlichen Umbrüchen mussten Akzente gesetzt werden.

Immer haben sich die Aufgaben verändert. Sie waren und sind an Anforderungen der jeweiligen Zeit orientiert. Immer geleitet durch das Motto des DEF: 

„Verantwortung übernehmen für sich und andere“.

Motivation heute:

Welche Motivationen haben wir heute, morgen und übermorgen in einem evangelischen Frauenverband? Welche Perspektiven gibt es heute für den DEF – wo liegen heute die Schwerpunkte?

  • Öffentliches sichtbares christliches Bekenntnis immer wichtiger: Säkulare Welt, fehlende christliche Sozialisation, verstärkte Suche nach Sinn und nach Werten
  • Frauen- und Familienfragen noch nicht gelöst – im Miteinander wichtig - Beispiel: aktuelle Beschlüsse des Deutschen Frauenrates (z.B. Aufwertung frauentypischer Berufe…)
  • Verband ist der Garant für Kontinuität, Zuverlässigkeit – für Mitglieder, aber auch für andere Partner (Verbände, Kommune, Kirche, Zivilgesellschaft)
  • Interessenvertretung in Kirche und Gesellschaft: Wer – wenn nicht wir selbst können unsere Anliegen besser vertreten?
  • Viele Fragen/Herausforderungen beschäftigen Menschen:
    Demographischer Wandel – die damit einhergehenden Verwerfungen und Probleme war unseren Gründungsfrauen fremd, z.B. fehlende Möglichkeiten voneinander zu lernen, z.B. Missachtung der jeweiligen Generationen mit ihren Kompetenzen
    Fehlende Vermittlung von Alltagskompetenzen:, z.B. Kochen, reinigen, pflegen, z.B. Verlust an Alltagskultur (Tischgebet..), Mangelndes Haushalten (Ressourcen schonender Umgang mit Finanzen und Nahrung), immer wichtiger: Umwelt-Verbraucherfragen (Verantwortung für die Schöpfung), damit auch Armut in Familien, bei alten Menschen
    Rasante Medienentwicklung: Orientierungslosigkeit in der immer größer werdenden Informationsflut, mediales Analphabetentum durch die rasante technische Entwicklungen, Oberflächlichkeit: kaum mehr Zeit für Recherche für fundierte Informationen, kaum mehr Zeit für das EIGENE Nachdenken!, kaum mehr Verlässlichkeit – ist alles wahr, wer steckt dahinter? Bürgerjournalist – BILD-berichtet, twittern, wikipedia usw., Medien machen Themen, Menschen, Nachrichten,  Manipulationen…
    Vereinsamung der Menschen, speziell der Älteren (Frauen)

    Konkret – wie reagiert DEF darauf mit seinen Schwerpunkten der Arbeit – wo sind unsere Kernkompetenzen? Wie brechen wir diese geschilderten Probleme runter? Wie reagieren wir im DEF darauf?

  • Gemeinschaft in Ortsverbänden  - gegen die Vereinsamung
    Freundschaften entstehen und pflegen
    Unterstützung und Begleitung in guten wie schweren Zeiten (Geburtstag, Krankenhaus, Altersheim, Tod)
  • Lobbyarbeit – Gremienvertretung – Vernetzung: nicht lamentieren, sondern versuchen, etwas zu ändern,
    Durch die kontinuierliche Arbeit an den Themenschwerpunkten und die eigenen Erfahrungen: glaubwürdige und professionelle Vertretung (wir reden nicht wie die Blinden von der Farbe!)
    Als unabhängiger Verband sind wir in gesellschaftlich-politischen Gremien als relevante Gruppe gefragt – können Positionen ergreifen, die die Evangelische Kirche nicht so prägnant oder gar nicht einnehmen kann
    Bundesweiter Verband als Netzwerk: Bündelung von vielfältigen Strömungen: z.B. Hauswirtschaft - Alter oder Verbraucherschutz – Medien
    Weitergabe von unten nach oben und andersherum: können schnell auf Veränderungen und Probleme hinweisen, da wir immer am Puls der Zeit sind. (Siehe Vertretung im Deutschen Frauenrat...). Mehr Informationen: www.frauenrat.de
  • Demographischer Wandel als Chance
    wir sind eine Basisorganisation
    Alt hilft jung: Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung, Kochen…
    Jung hilft alt: Vermittlung von modernen Techniken: Computer…, Hilfe im Haushalt…,
    Auch konkrete Leistungen wie Besuchsdienst von DEF-Frauen in Alters- und Pflegeheimen
  • Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Haushaltsführungskräfte des DEF als Christin Verantwortung für die Schöpfung übernehmen; Nachhaltigkeit, Ressourcenschonender Umgang mit den Dingen, die uns von Gott anvertraut sind
    Angebote/Seminare/Veranstaltungen: Haushaltsführungskompetenz durch Vermittlung von Alltagskompetenzen (mit weniger Geld trotzdem auskommen – kochen, putzen, reparieren)
    Engagement in lokalen Aktionsbündnissen: gentechnikfreie Landkreise, AGENDA 21, Leader +
    Ausbildung fördern: Prüferinnen entsenden
    Die Hauswirtschaft als eine wichtige Säule des Bruttosozialprodukts ins Gedächtnis bringen – von ihrem schlechten Image befreien!
  • Medienarbeit
    Kommunikative Medienarbeit: gehen von der Nutzerin aus – wir sind alle Laien. Freiheit sich zu entscheiden, mit zu reden und zu kritisieren- aber auch daran teilzunehmen als Christin mit unseren Werten. Kritischer aber konstruktiver Umgang mit allen Medien – auch den neuen!
    Z.B. Literaturzirkel
    Medienkreise und –gruppen vor Ort

Unsere Motivation heute:

  • Einzigartigkeit des DEF: Freiheit, Unabhängigkeit, Schlanke Organisation, jeder OV/AV ein Unikat mit eigenen Schwerpunkten und Arbeitsfeldern
  • Unsere Kernkompetenzen liegen auf der Hand, wir müssen uns deren immer wieder nur bewusst sein:
    als Christin
    übergemeindlich
    überparteilich 
    eigenverantwortlich und unabhängig
    mit Freude freiwillig und ehrenamtlich
    unsere Gesellschaft und Kirche mitgestalten

immer nach unserem Verbandszweck: Verantwortung für mich und andere übernehmen als 1. Schritt zur Nächstenliebe

Eine einzelne schafft für sich allein das nicht. Wir brauchen eine Gruppe Gleichgesinnter, brauchen ihre Aufmunterung, ihre Kritik und ihr Vertrauen. Wir brauchen Frauen und Männer in  Kirche und Gesellschaft mit Verständnis für unser Anliegen. Wenn wir etwas erreichen wollen, ist ein funktionierender organisatorischer Rahmen notwendig – und Geld. Die Frauen im DEF arbeiten zwar ehrenamtlich, doch die Unkosten sollten erstattet werden können. Wir sind auch der Meinung, dass dieses bürgerschaftliche Engagement neben der Erwerbsarbeit und der Haus- und Familienarbeit angemessene gesellschaftliche Anerkennung finden muss.  Denn wir sind fest überzeugt, dass wir für die Kirche und Gesellschaft etwas leisten, das für sie lebensnotwendig ist. Wir halten es für wichtig, die Hoffnung zu pflegen, dass es in unserer Welt sehr wohl einen Sinn hat, persönlich und konkret etwas zu tun z.B. das Lernen eines behutsamen Umgangs mit der Schöpfung in ihrer ganzen Vielfalt, aber auch das Lernen in der schönen neuen Medienwelt.

Die Enttäuschung darüber, dass es die heile Welt, das Paradies auf Erden, das totale selbst gemachte Glück nicht gibt, darf nicht umkippen in die Überzeugung, dass alles doch keinen Sinn hat. In Gottes Schöpfung gibt es für uns Menschen keine Patentrezepte, von wo aus wir gemeinsam und im Vertrauen auf die Tragkraft Gottes, Konkretes und Sinnvolles tun können und tun müssen.

Aber Aufgaben gibt es viele - wir müssen sie nur erkennen. Natürlich brauchen wir die Frauen dazu, die motiviert sind die Visionen der Gründungsfrauen auch heute noch umzusetzen. Natürlich brauchen wir auch die Rahmenbedingungen dazu – nur mit Gotteslohn lassen sich diese Aufgaben heute nicht mehr bewältigen – hier ist die Kommune, aber auch die Kirche gefragt uns zu unterstützen. Wir bringen dafür uns Engagement, unsere Zeit, aber auch unsere Visionen und unsere Motivation ein. Mit diesem Zweiklang kann unsere Zivilgesellschaft und unsere Demokratie dauerhaft gelingen … ganz nach einem Ausspruch von Dante, einem italienischem Dichter des 14.Jahrhunderts – so aktuell wie damals:

„Der eine wartet, dass die Welt sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt.“

Vortrag: Katharina Geiger, Geschäftsführerin des DEF LV Bayern