Die Welt wandelt sich. Reformbedarf in den Kirchen und der Gesellschaft

Inge Gehlert Reformation

Editorial der Landesvorsitzenden

Als Landesverbandsvorsitzende und Mitglied des Bun­desvorstands ist frau doch recht häufig mit der Bahn unterwegs. Da merkt man bald, dass es bei der Bahn nichts gibt, das es nicht gibt. Nach dem Sprichwort: Wenn eine(r) eine Reise tut, dann kann er/sie was er­zählen.

Wir alle kennen Verspätungen, ersatzlose Zugausfälle, der Zug kann sich auch verfahren oder durch den Bahn­hof durchfahren, obwohl er halten soll. Aber er kann auch in den Bahnhof einfahren, halten, aber die Türen von einem Zugteil nicht öffnen. Bis die Fahrgäste dann den anderen Zugteil erreichen, hören sie ein leises Sirren, der Zug fährt ab und Mann und Frau schauen ihm sprachlos hinterher. So ist es mir in Wittenberg passiert. Glücklicherweise am frühen Morgen, sodass ich nach einer Stunde den nächsten Zug nehmen konnte. Ich hatte keinen Termin, ich wollte „nur“ nach Hause.

So hatte ich Zeit, die große Bibel zu betrachten, die neben dem Bahnhof steht und der man aufs Dach steigen kann. Von dort oben hat man einen guten Blick auf Wittenberg und Umgebung. Aber dazu rei­chte meine Zeit dann nicht mehr.

Wittenberg und seine Weltausstellung hätten es ver­dient gehabt, noch länger zu bleiben und sich näher mit interessanten Ausstellungen zu beschäftigen. In der Weltausstellung und in der Stadt kann man sehen, dass nicht nur die katholische Kirche weltumspannend ist, sondern auch der Protestantismus. Menschen aus aller Welt sieht man auf den Straßen. Sie haben Zeug­nisse ihres Glaubens mitgebracht und zeigen so, dass sie mit uns zusammen diese Kirche bilden.

So zum Beispiel die Frauen aus der Slowakei, die die Geschichte der Reformation in ihrem Land auf Bilder in Gobelinstickerei gestickt haben. Eine bewunderns­werte Arbeit, die im Bugenhagen Haus ausgestellt ist.

Oder Margot Käßmann, die am Frauenfesttag die Thesen des Christinnenrates zu einer frauengerechten Kirche noch einmal kommentierte und zuspitzte und dann ökologisch korrekt mit dem Fahrrad zum nächs­ten Termin davonradelte. Leider habe ich das nicht im Bild festhalten können.

Ein Freund von uns, ein rumänisch-ungarischer Luthe­raner, der uns sagte, dass für ihn Wittenberg Zuhause ist. Sein Glaube findet hier seine Heimat und seine Bestärkung und damit fühlt er sich im Ort der Refor­mation daheim.

Die Reformationsdekade zu 500 Jahre Reformation neigt sich dem Ende zu. Zehn Jahre lang haben wir die verschiedenen Auswirkungen der Reformation betrachtet, sei es in der Musik, sei es in der Welt, sei es in der Kunst und Literatur. Ein letzter Höhepunkt wird der 31. Oktober 2017 sein, wenn in fast allen Kir­chengemeinden das Reformationsfest gefeiert wird und wir in ganz Bayern diesen Tag als Feiertag genie­ßen können.

Die Reformationsdekade geht zu Ende. Aber wir soll­ten als Christinnen und Christen aus dieser Zeit auch Selbstbewusstsein geschöpft haben. Das Christen­tum ist nicht am Ende. Wir haben der Welt etwas zu sagen, und die Welt hört uns. Es ist wichtig, dass Frauen der verschiedenen christlichen Konfessionen einen ökumenischen Gottesdienst am Frauenfesttag feiern und gemeinsam in verschiedenen Sprachen um Frieden beten. Gerade in dieser Zeit, wenn die ver­antwortlichen Politiker nicht verantwortlich handeln. Das ist Weltgebetstagsarbeit nicht nur an einem Frei­tag im März.

Reformbedarf in den Kirchen aber auch in der Gesell­schaft. Die Welt wandelt sich, die Digitalisierung ver­ändert vieles, was Menschen auch Angst macht, weil wir die Dinge noch nicht überblicken können. Daher brauchen wir eine Politik, die sich ihrer Verant­wortung bewusst ist und die Probleme anspricht und einer Lösung zuführt. Keine PolitikerInnen, die sich nichts trauen, da sie nur auf die nächsten Wahlen schielen. Es geht dabei nicht um Schnelligkeit, son­dern wir müssen mit Weitblick handeln, die nächsten Generationen mit im Blick haben. Demokratie dauert immer etwas länger und es muss Überzeugungsar­beit geleistet werden, damit die Mehrheit der Bevöl­kerung sich mit den Ergebnissen identifizieren kann.

Ich wünsche uns allen einen guten Ausgang der Bundestagswahlen, damit wir gestärkt an einem ver­einten Europa weiter arbeiten können.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre

 

 

Inge Gehlert, Landesvorsitzende